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Ihr Song "Snuff Machinery" avancierte im Jahr 2003 schnell zum Clubhit und auch so hatten die Newcomer von da an eine sehr erfolgreiche Zeit. Die darauffolgenden Veröffentlichungen wurden mit positiver Resonanz vom Publikum aufgenommen, welche nicht zuletzt durch zahlreiche Auftritte Bestätigung fanden. Anderthalb Jahre später will man diesen Erfolg nicht auf sich beruhen lassen und veröffentlicht mit "Coded Message: 12" den zweiten Longplayer. Bis zum erscheinen des Albums Anfang April, hält das Interview einiges Wissenwertes darüber bereit.


Ihr habt vor gut 1 ½ Jahren euer Debut Album veröffentlicht und damit sehr gute Resonanz erfahren. Habt ihr damals mit so einem positiven Feedback gerechnet oder kam dies eher überraschend?

Carsten: Vorausahnen kann man so etwas mit Sicherheit nicht. Man braucht Glück und Geduld. Wir hatten beides.

Die Band existiert seit 1996 und wir haben viele Jahre lang in erster Linie Musik für uns selbst gemacht. Das Ziel eines Plattenvertrages und der möglicherweise damit einhergehende Erfolg, vielleicht einmal einen Hit zu schreiben, stand bei uns nie im Vordergrund, sondern vielmehr die musikalischen Inhalte. Es fiel uns daher nicht schwer einen langen Atem zu haben. Als sich dann 2002 der Erfolg einstellte, hatten wir genug Zeit, um bis dato auch die Kehrseite des Musikbusiness kennen zu lernen. Umso schöner war es dann, fortan die Möglichkeit zu bekommen, seine Gedanken, Motivationen und Visionen mit vielen Gleichgesinnten zu teilen.

Das zweite Album wird oft als das Schwierigste beschrieben, weshalb man sich nach dem positiven Feedback schnell in einen künstlichen Druck versetzen kann. Ist dies so oder sollte man über so etwas gar nicht erst nachdenken?

Carsten:
Das hat uns wenig Probleme bereitet. Man muss sich immer vor Augen halten, dass jeder Mensch bestimmte Erwartungen zu erfüllen hat und einem gewissen Druck ausgesetzt ist; sei es am Arbeitsplatz, beim Studium, in der Schule oder in einer Beziehung. Wir haben das große Glück, das wir das, was uns am meisten am Herzen liegt, professionell betreiben dürfen. Mit dieser Grundhaltung lässt man sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Wir machen uns selbst am meisten Druck, indem die an uns selbst gestellten Anforderungen sehr hoch sind. Wir sind Perfektionisten und wir haben bislang die Erfahrung gemacht, dass - wenn wir unseren eigenen Ansprüchen gerecht werden - auch die externen Erwartungen erfüllen.

Wann haben die Arbeiten zum neuen Album begonnen? Habt ihr direkt nach "Stronghold" an neuen Songs gefeilt?


Tom: Nach "Stronghold" waren wir erst mal ausgiebig live unterwegs. Im August des letzten Jahres haben wir dann mit den ersten Arbeiten zu "Coded Message: 12" begonnen und im Januar 2005 war der Produktionsprozess abgeschlossen.

Gerade als junge Band besteht das Musikmachen aus einem stetigen Lernprozess. Habt ihr für "Coded Message: 12" die Arbeitsweise im Studio verändert, um noch effektiver sein zu können oder habt ihr schon zu "Stronghold" die Zeit optimal ausreizen können? Welche Veränderungen gab es in der Arbeitsweise gegenüber "Stronghold"? Was war euch für das neue Album besonders wichtig? Und wo seht ihr selbst die Unterschiede zum vorangegangen Album?

Tom: "Stronghold" war mehr oder weniger ein "Best Of" Album bereits bestehender Songs, die wir schon lange live gespielt hatten. Wir haben praktisch die Songs noch mal neu überarbeitet und produktionstechnisch auf ein höheres Level gebracht.

Bei "Coded Message: 12" hatten wir nun die Möglichkeit ein Gesamtkonzept umzusetzen und gänzlich neue Songs zu schreiben. Es lag uns diesmal sehr am Herzen, dass das Album nicht nur in den Clubs - was mit Sicherheit wichtig ist - sondern darüber hinaus auch zu Hause "funktioniert". In diesem Zusammenhang ist die Kompaktheit und Dichte der Songs von entscheidender Bedeutung, worauf wir dann auch besonders geachtet haben. Die Ausgereiftheit der Stücke und die Produktion, für die sich diesmal Krischan von Rotersand verantwortlich zeigte, sind wohl bei "CM:12" die signifikantesten Veränderungen gegenüber "Stronghold".

Der Albumtitel "Coded Message: 12" schließt für mich darauf, dass man die Songs nicht so einfach vorgesetzt bekommt, sondern man sie sich erarbeiten muss. War dies der Grund für den Titel?


Carsten: Wir haben uns auf "Coded Message: 12" mit der Frage nach Vollkommenheit beschäftigt. Dazu haben wir die Numerologie herangezogen: Seit der Antike steht die Zahl "12" für Vollkommenheit, Einheit und Geschlossenheit. Sie symbolisiert im Christentum die Begegnung von Gott und Mensch. Der Symbolgehalt der "12" bewog erst jüngst die Europäische Union darin, die unveränderliche Anzahl der Sterne auf ihrer Flagge mit eben dieser Zahl festzulegen.

Jeder assoziiert unter "Vollkommenheit" etwas Anderes. Wann ist das eigene Leben vollkommen? Wann ist es die Welt? Welche Ereignisse beeinflussen das Streben nach Vollkommenheit positiv bzw. negativ? Es gibt mannigfaltige Ansatzpunkte.

Wir haben uns persönlicher und globaler Themen bedient, mit denen wir die Suche nach Vollkommenheit in ihrer zu Gebote stehenden Komplexität unter Heranziehung verschiedener Perspektiven gerecht werden wollen.

Im alten Babylon ist die "12" die Zahl des Nergal, dem babylonischen Gott des Todes, der Unterwelt, der Seuchen und des Krieges. Diese Bedeutung lässt den Albumtitel in einem anderen Licht erscheinen und spiegelt eine Dualität wieder, die ebenfalls eine entsprechende Berücksichtigung findet.

"Eine Welt die aus den Fugen zu geraten scheint" heißt es im Info. Die textliche Schifffahrt, die der Hörer bei [:SITD:] einnimmt, führt ihn meist auf gesellschaftliche Missstände. Was macht den Reiz für euch an solchen Themen aus?


Carsten: Wir legen gerne unsere Finger in die Abgründe unserer Gesellschaft, um auf solche Dinge aufmerksam zu machen oder die Diskussion darüber anzuregen. Das hat aber herzlich wenig mit Provokation zu tun, was uns häufig vorgeworfen wird, als vielmehr mit Auseinandersetzung, Darstellung und Verarbeitung solcher Dinge. [:SITD:] ist zudem eine Art Therapie für uns ist, um Themen zu verarbeiten, die uns persönlich widerfahren oder die uns bewegen. Es geschehen jeden Tag so viele Dinge, die einen erschaudern lassen oder sprachlos machen. Im Gegensatz dazu bedürfen positive Ereignisse selten einer Aufarbeitung, so dass diese inhaltlich eher selten bei uns stattfinden. Uns ist schon klar, dass wir als kleine Band in der Underground-Szene nicht die Welt verändern können, aber das Hinsehen, wo andere Wegschauen liegt uns sehr am Herzen.

Möchte man auf der Suche nach einer Welt in Vollkommenheit dem Ziel wirklich näher kommen? Vollkommenheit muss nicht unbedingt auch ein Garant für ein zufriedenstellendes Leben sein.

Carsten: Wenn man Vollkommenheit im Sinne von Glück und Harmonie interpretiert, dann dürfte das schon ein Garant für ein zufriedenstellendes Leben sein. Es sei denn, dass man einen Hang zur Destruktion hat und seinem Glück selbst im Wege steht.

Ein großer Bestandteil eurer Songs ist die Verwendung von Filmsamples. Was macht für euch ein gutes Sample aus? Angenommen ein wirklich schlechter Film hält dennoch ein gutes Zitat für einen eurer Songs bereit. Würdet ihr ihn verwenden oder euch damit in einen Gewissenskonflikt manivrieren?

Carsten: In diese Verlegenheit sind wir zum Glück noch nicht gekommen. Wir hatten bislang immer einen Bezug zu den Filmen, aus denen wir gesampelt haben. Wichtig ist für uns, dass ein Sample eine Message unterstreicht oder neue Aspekte zum Vorschein bringt. Die Interaktion zwischen Samples und Texten und das daraus resultierende Gesamtergebnis ist für uns wichtig. Ich denke aber, das wir ein Sample aus einem schlechten Film, nicht verwenden würden. Dafür gibt es immer irgendwelche Alternativen.

Mit euren Texten und die Platzierung von entsprechenden Samples gebt ihr dem Hörer immer einen Ansatz, wo er zum nachdenken aufgefordert wird. Ist es euch wichtig, dass ein Song immer eine Aussage und keine leeren Inhalte transportiert?


Carsten: Ja, das ist uns sehr wichtig. Natürlich beschäftigt sich nicht jeder mit den Texten, aber für all jene die es tun, sollte ein entsprechendes Angebot zur tieferen Auseinadersetzung vorhanden sein. Wir versuchen auch immer wieder neue Themen an die Oberfläche zu bringen.

Wie diesmal zum Beispiel das Stück "Upstairs", wo wir uns mit dissoziativen Identitätsstörungen beschäftigt haben. Die Ursachen für diese Störungen liegen zumeist in schweren, oftmals sich dauerhaft wiederholenden Traumatisierungen wie z.B. durch massivste Gewalterfahrungen und sexuellen Missbrauch. Allgemein tritt bei Betroffenen das Phänomen auf, dass zwei oder mehrere Persönlichkeiten in einem einzigen Menschen vorzufinden sind, die jeweils ein individuelles Alter, Geschlecht, Stimme, Gestik, Mimik und eine bestimmte Funktion über Körper und Geist haben. Für einige der Persönlichkeitsanteile besteht Gedächtnisverlust und keine Kenntnis von den "alternativen Egos". Durch das jeweilige Trauma wird ein bestimmter Persönlichkeitsteil abgespalten, was der überlebensstrategie des Betroffenen dient. Nach wissenschaftlichen Studien können teilweise bis an die 100 Persönlichkeitsanteile entwickelt werden. "Upstairs" ist aus der Ich-Perspektive eines traumatisierten Betroffenen geschrieben, der das erfahrene unsagbare Leid nur ertragen kann, indem er in mehrere Identitäten flüchtet, um durch die Dissoziation des eigenen Ichs überhaupt "überleben" zu können. Der Titel soll zum Ausdruck bringen, dass sich das Leben, dieser häufig in Apathie befindlichen Menschen, in erster Linie im Kopf abspielt. Uns hat die Thematik, die hier zugrunde liegt, so sehr berührt, dass wir unbedingt einen Denkanstoß, einen Fingerzeig geben wollten, da dieses Thema leider medial nur am Rande vorkommt.

Wie auch schon beim ersten Album, war Krischan von Rotersand an der Produktion beteiligt. Was schätzt ihr an ihm, dass ihr wieder auf ihn zurückgegriffen habt?

Tom: Krischan ist ein absoluter Vollprofi, was den Produktionsbereich angeht. Sein Wissen und sein Equipment ermöglicht Ergebnisse, die mit unseren eigenen Mitteln nicht möglich sind. Wir produzieren bei uns im heimischen Studio alles vor und die Songs sind praktisch vom Arrangement schon fertig, wenn wir damit zu Krischans Studio 600 wechseln. Was er dann aber aus der Produktion herausholt, verblüfft uns immer wieder aufs Neue! Darüber hinaus ist Krischan auch ein guter Freund von uns und die Chemie stimmt einfach. Wir brauchen nicht lange etwas zu erklären, sondern er weiß von selbst, wo wir soundmässig hinwollen. Das macht ihn für uns zum perfekten Produzenten!

Für das In- und das Outro des Albums lieh Adrian Hates (Diary Of Dreams) seine Stimme. War dies eine Idee des gemeinsamen Labels von Diary Of Dreams und [:SITD:] oder gab es den Wunsch schon länger etwas zusammen zu machen?

Tom:
Wir haben uns bei den Stücken "Curtain Raiser" und "The Final Curtain" überlegt, wer am besten die für das Album sehr wichtigen einleitenden bzw. am Ende reflektierenden Worte sprechen kann. Adrian hat eine sehr eindringliche Stimme und dieses Stilelement, was wir suchten, hat er schon in der Vergangenheit bei Diary Of Dreams vortrefflich eingesetzt, wenn man z.B. nur an "O' Brother Sleep" denkt. Bei einem gemeinsamen Essen haben wir ihn dann einfach gefragt, ob er Lust dazu hätte. Wir haben ihm dann unsere Ideen erklärt und unser Konzept vorgelegt, wovon er sehr angetan war. Zu unserer Freude hat er sofort zugesagt und das Ergebnis entsprach dann auch genau unseren Vorstellungen.

Nichts gegen Carsten, aber ist euch schon mal aufgefallen, dass Thomas' Stimme viel zu wenig Aufmerksamkeit auf dem Album erfährt? Oder drängt euch das zu sehr in die Sparte Electro-Pop ;-)?


Tom: Das mit dem Electro-Pop ist nicht so sehr das entscheidende. Grundsätzlich ist es so, dass ich für die Musik und Carsten für den Gesang verantwortlich ist. Unsere Stimmen decken ein relativ breites Spektrum ab. Es ergibt sich immer aus dem Produktionsprozess heraus, bei welchen Stücken ich den Gesangspart übernehme. In Zukunft kann es auch vorkommen, dass ich auch mal ein Stück mehr singe, aber es muss auch Sinn machen und zu den Songs passen. Wir sind da sehr flexibel.

Zum Schluss hätte ich noch gerne gewusst, welche Bands für euch wichtig waren, dass es [:SITD:] in dieser Form gibt und was hört ihr heute?

Tom: Wir haben einen recht breitgefächerten Musikgeschmack. Sowohl ich als auch Carsten sind in den frühen 80er Jahren mit Bands wie Depeche Mode, Kraftwerk oder New Order aufgewachsen. Mitte der 80er Jahre entdeckten wir unsere Faszination für die Electronic Body Music und Bands wie Front 242, Skinny Puppy oder Nitzer Ebb, die bis zum heutigen Tage anhält. Wir denken nicht, dass das jetzt einen direkten Einfluß auf unsere Musik hat, aber es spielt im Unterbewusstsein mit Sicherheit eine Rolle, wenn man selbst Musik macht. Wir sind stets bemüht eine eigene musikalische Identität zu entwickeln. Natürlich haben wir nicht den Anspruch die elektronische Musik neu zu definieren, aber dennoch liegt uns ein eigener Stil und ein eigener Soundcharakter am Herzen.

Welche weiteren Pläne stehen für [:SITD:] in naher Zukunft noch an?

Carsten:
Am 11.04.2005 erscheint erst mal "Coded Message: 12". Mit dem Album werden wir dann ausgiebig live präsent sein. Danach wäre eine Maxi oder EP im Herbst dieses Jahres denkbar. Zur Zeit arbeiten wir gerade an einem Remix für die aktuelle VNV NATION Single "Chrome".

Vielen Dank für das Interview und die geopferte Zeit. Die letzten Worte gehören wie immer der Band...


Carsten:
Haben wir gerne gemacht! Danke für das interessante Interview und viele Grüsse an alle Electric Diary Leser!



Interview: Thomas Tröger & [:SITD:]
März 2005

[:SITD:]

Carsten Jacek
Thomas Lesczenski
Francesco Frank D'Angelo

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