Project Pitchfork   
Es steht wohl außer Frage, dass Project Pitchfork zu einer der umstrittensten Bands gehören, welche sich ihren Platz in der Musiklandschaft in den letzten Jahren immer mehr gefestigt haben. Regelmäßige Alben Veröffentlichungen und ein stetig wachsender Fankreis lenkte alsbald auch die Aufmerksamkeit der Major-Firmen auf die Band. Recht kritisch wurde jedoch ihr zuletzt erschienenes Werk begutachtet, so dass es entweder komplett missverstanden wurde oder sich das Publikum den Zugang zum Album sehr erschwerte. Ob „Kaskade“, das neue Album, die Gemüter wieder beruhigt und an alte Erfolge anknüpft bleibt abzuwarten. Eines steht jedoch fest: Musikwünsche erfüllen Project Pitchfork keine! Dafür pflegen sie nach 15 Jahren Bandgeschichte zu viel Eigenständigkeit. Im Interview sprachen wir mit Jürgen Jansen über das neue Album.


„Kaskade“ ist nun mittlerweile das zehnte Album von euch. Gibt diese Zahl einmal mehr Anlass auf das bisherige Schaffen zurückzublicken oder ist es nicht anders als bei jedem neuen Album auch?

Die Tatsache, dass es das 10. Album ist, hat sicherlich nichts an der Entstehung des neuen Albums verändert. Man schaut natürlich gerne auf die Vergangenheit zurück, allerdings beeinflusst uns das wenig bis gar nicht. Wir machen seit jeher Musik die in erster Linie uns gefallen muss.

Eigentlich erspare ich mir immer die Frage nach Bedeutung und Herkunft eines Albumstitels, kommt man jedoch bei euch nicht so einfach vorbei. Wie oft hast du in den letzten Jahren den Duden bzw. das Lexikon zur Hand genommen? ;-) Welche Bedeutung hat „Kaskade“ im Hinblick auf das neue Album? Auslegungen dafür gibt es ja zur Genüge...

Ja natürlich, "künstlicher stufenförmiger Wasserfall" oder auch "kühner Sprung eines Artisten", laut Duden. Der Begriff "Kaskade" ist weit auslegbar und interpretierbar. Im Vergleich zu "Inferno" ist das Album sicherlich textlich und musikalisch vielschichtiger, verfolgt verschiedenere Ebenen. "Inferno" war auf die Texte bezogen konzeptionell, hatte eine Linie. Auf "Kaskade" stehen diese für sich, in verschiedenen Stufen. Das wäre eine Deutung des Titels. :-)

Mit „Kaskade“ habt ihr mehr Gewicht auf die Musik gelegt. Nachdem eher kopflastigen Album „Inferno“ nähert ihr euch damit wieder mehr den Wünschen der Fans. Ist ein Vorwurf dieser Art berechtigt oder lasst ihr euch von äußeren Stimmen gar nicht erst beeinflussen?

Das ist Ansichtssache, die Texte sind genauso wichtig wie eh und je. Wir entscheiden nicht bzw es gibt kein "was ist wichtiger, Text oder Musik". Entscheidend ist, dass Beides zusammenpasst! Das war und ist uns sehr wichtig, zu manchen Themen passt halt auch kein "Bumm Bumm Techno", wenn ich es mal so pauschalisieren darf. Wir lassen uns von aussen eigentlich nicht beeinflussen, das wäre auch fatal. Wir sind keine "Auftragsband", die sich nach Wünschen anderer richtet.

Macht man sich darüber Gedanken, die zweifelsfrei bestehenden Erwartungshaltungen zu erfüllen, oder denkst du, dass man sich als etablierter Act (der ihr ja nun mal seid) weniger darüber Kopfzerbrechen muss, und auch mal musikalische Experimente einem leichter verziehen werden? Sprich: Ist es für euch, mit steigendem Bekanntheitsgrad, in den Jahren schwieriger geworden, euch musikalisch frei zu bewegen oder leichter?

Eigentlich schwieriger, damit meine ich aber lediglich die Akzeptanz, nicht das produzieren eines neuen Albums, da gehen wir sehr frei ran. Je mehr Alben man aber veröffentlicht hat, desto mehr "Angriffsfläche" bietet man, es entstehen Vergleiche. Es gibt immer Leute, die das ein oder andere alte Album besser als das aktuelle finden, ist ja auch ihr gutes Recht und da gewöhnt man sich dran.

Also mach es einen eher traurig, dass Fans nicht „loslassen“ können und immer Vergleiche zu älteren Material ziehen oder erfüllt es einen auch mit Stolz, dass sie bestimmte Werke so hervorheben, die wahrscheinlich auch einen großen Einfluss auf sie gehabt haben bzw. immer noch haben?

Nein, nicht traurig, denke, das ist eher normal. Jeder hat, das ist wohl bei allen Bands so, ein bestimmtes Album als Einstieg. Das wird immer etwas besonderes bleiben. Oder ein Album, dass man zu einer bestimmten Phase im Leben, sei es eine positive oder negative, gehört hat, da es gerade aktuell war und an diese Zeit erinnert. Es macht eher stolz, dass verschiedene Leute verschiedene Alben hervorheben, da es beweisst, dass wir uns nicht wiederholen.

„Kaskade“ soll sich in "nie zuvor gehörten Notenwelten" äußern. Bei einem Album wo die Musik wieder mehr im Vordergrund steht, kann ich mir gut vorstellen, dass man sich mit dem musikalischen Schaffen andere Künstler einmal mehr auseinandersetzt. Hast du überhaupt noch die Zeit die Musik der Konkurrenz ausgiebig anzuhören, um sich auch von anderen musikalischen Begebenheiten inspirieren zu lassen?

Das die Musik mehr im Vordergrund steht sehe ich nicht so, wie vorher erwähnt. Ich sehe andere Bands aber auch nicht als Konkurrenz, freue mich über jeden, der mit seiner Musik Menschen für Momente glücklich machen kann, in welcher Form auch immer. Inspiriert wird man aber grundsätzlich vom Leben selber, nicht von anderen Bands. Von der allgemeinen Situation, vom Ärger, von der Freude, von der Liebe.

Läuft man Gefahr, dass man Texte weniger Aufmerksamkeit schenkt, wenn man mehr auf die musikalische Ebene Bedacht ist? Gab es Veränderungen im Schreiben der Texte zum vorangegangenen Album?

Nein, mit Sicherheit nicht. Der Unterschied ist lediglich, dass der Faden öfters die Farbe wechselt. :-)

Wie kann man sich die Arbeit im Studio bei euch vorstellen? Arbeitet jeder erst mal seine eigenen Ideen aus und man trifft sich später, und schaut dann, was wo zusammenpasst? Dass die Band in den letzten Jahren stets gewachsen ist, zuletzt mit Gitarrist Karsten Klatte, macht die Arbeit sicher nicht stressfreier und Differenzen tauchen meines Erachtens somit auch eher auf?

Wir arbeiten erst mal alleine an Songideen, jeder für sich. Danach kommen Schlagzeug, Gitarre und Gesang dazu, in variabler Reihenfolge. Achim, unser Schlagzeuger spielt dann zB verschiedene Versionen ein, ebenso Carsten. Bei der End-Produktion wird dann aussortiert, je nach Gefühl. Differenzen, nein die gibt es eigentlich nicht, das erklärt sich eigentlich von selbst.

Ein Stück, das sich sehr deutlich von den anderen auf "Kaskade" unterscheidet, ist "a.Dream“. Der Songaufbau ist alles andere als typisch für euch. Dazu gibt es doch sicher eine besondere Entstehungsgeschichte...?

Eigentlich war das Stück noch in der Entstehung als Carsten die Gitarre einspielte, ab da war es "Death Punk", dabei haben wir es belassen. Sobald es allen Beteiligten ein Lächeln entrückt, ist die Richtung des Stückes klar. :-)

Welche grundlegenden Veränderungen ziehst du selbst zu den vorangegangenen Alben?

Die grösste Veränderung ist wohl die, dass es sich wieder um ein reines Album handelt. Bei "Inferno" war es der Auftakt zu einer Trilogie, das ist leider von Vielen missverstanden worden bzw wird es immer noch. Dadurch, dass wir nicht die - mittlerweile auch in der Szene - akzeptierte Single/Album/Single-Reihenfolge gewählt haben, hat wohl einige verwirrt. Ist halt nicht einfach, mal etwas anderes zu machen oder dafür verstanden zu werden.

Welche Meinungen über das neue Album sind dir besonders wichtig? Über eure Homepage bekommt ihr direkt Feedback von euren Fans, welche vielleicht nicht immer positiv ausfallen. Wie nimmst du dir selber diese Meinungen an? Gibt es Meinungen von Personen die dir besonders wichtig sind?

Prinzipiell ist uns in vorderster Linie unsere Meinung wichtig. Egoistisch?, nein eigentlich nicht. Natürlich gibt es Menschen, die das neue Album zuerst hören, aber das hat keinen Einfluss auf die Arbeit, denn dann ist es ja schon fertig.

Natürlich fallen die Meinungen nicht immer positiv aus, jeder verbindet auch seinen Einstieg zu PP mit einer gewissen Phase, an die er zurückdenkt oder sich gar zurücksehnt. Wir haben sie/ihn ein Stück begleitet, sie/er uns auch, ist doch in Ordnung. Aber das mit den "favourites" hatten wir ja eben schonmal. Das ändert sich ständig, soweit ich das verfolgen kann.

Abgesehen von der Promo-Single setzt „Kaskade“ wieder an den Wurzeln der Band an und präsentiert keine Vorab-Single. Auch „Inferno“ hatte sich dahingehend schon anders gezeigt, als mit den Veröffentlichungen zuvor. Wie stehst du zu Single-Geschichten? War es die Jahre zuvor mehr ein „must-do“ oder lohnt es sich einfach nicht mehr für euch, nach dem das Musikfernsehen so stark kastriert wurde?

Das hat in der Tat sehr viel mit dem Musikfernsehen zu tun. "Gelohnt" haben sich Singles im kommerziellen Sinne noch nie, sie sind reine Werbeprodukte, waren sie schon immer. Der Grund für uns "Singles" zu machen war der, dementsprechend Videos drehen zu können und uns visuell zu präsentieren. Was auch der einzige Grund war, zu einem Major zu wechseln, denn als Indie wird dein Video nicht gespielt, Politik!

Da das "Musikfernsehen" mittlerweile immer weiter den Bach runter geht, ist es schwierig oder gar unmöglich, Clips zu präsentieren. Der "singende Frosch" bringt halt mehr ein und wird alternativ auf Sendung geschickt!

Wie sehen dennoch die Pläne aus wie es nach „Kaskade“ weitergehen soll? Wollt ihr das Album diesmal ganz für sich stehen lassen, wie es früher einmal war oder gibt es Überlegungen über eine EP oder ähnlichem?

Nein, diese Überlegungen gibt es nicht. Im Gegenteil, wir werden nach den Tourneen im Herbst beginnen, wieder an neuen Material für das nächste Album zu arbeiten.

In den letzten Jahren gab es immer Zusammenarbeiten von Project Pitchfork Mitglieder in anderen Bands – Still Silent, Nik Page und ganz aktuell Girls Under Glass. Warum wurde so etwas bisher nicht bei Project Pitchfork selbst verwirklicht, für Songs mit anderen Künstlern zusammenzuarbeiten? Gedanken darüber gab es doch sicher schon?

Die Notwendigkeit war vielleicht bisher nicht vorhanden, nein, Gedanken haben wir uns darüber wenig gemacht. Andererseits haben wir diese "anderweitigen" Projekte in "Jansen/Spilles" oder "REC" ausgelebt. Ob sich das in Zukunft ändern wird, ich glaube nicht. Wenn sich eine interessante Kooperation anbietet - und das war ja der Fall - dann macht halt jemand wo mit, aber bei Pitchfork macht das wenig Sinn. Aber wer weiss ...

Wie vor einiger Zeit zu lesen war, seid ihr für die musikalische Untermalung eines Dokumentarfilms des russischen Produzenten Mikael Ignashov verantwortlich. Um welche Art von Dokumentation handelt es sich hierbei? Kannst du darüber schon etwas genaueres erzählen?

Einen Dokumentarfilm über die russische Untergrundszene. Aber das Projekt steht noch aus, ob das überhaupt realisiert werden kann ist leider fraglich.

Eine weitere Meldung aus dem Ostblock ist der erste Project Pitchfork Tribut Sampler. Ist dies nicht eine besondere Ehrung für das eigene Schaffen?

Das macht natürlich stolz, vor allem, wenn man das Ergebnis hört!

Wir haben die Band "Altera Forma" (TIPP!) bei unserem ersten Russland-Konzert Dezember letzten Jahres kennengelernt und sie haben das umgehend in die Wege geleitet. Daraus entstand auch unser erster russischer Plattendeal. Es war unheimlich schön, wie verschiedene Bands die Stücke interpretiert haben und wir hoffen, den Sampler im Herbst auch in Deutschland veröffentlichen zu können.

„Kaskade“ folgt dem aktuellen Trend, auch als kostenpflichtiger Download via Internet erhältlich zu sein. Wie steht ihr persönlich dazu? Keine Angst davor, dass dieses Medium irgendwann ganz die herkömmliche CD ablösen könnte?


Ich finde es eigentlich schade, dass immer weniger Menschen CDs kaufen. Es heisst zwar "copy kills music", aber dem Konsumenten ist das immer noch nicht bewusst!

Es ist leider so, heutzutage versuchen fast alle Bands diesen "Verlust" durch Tauschbörsen durch die Eintrittspreise ihrer Konzerte zu kompensieren, selten kostet ein zB U2 Konzert weniger als 80 Euro. Wir haben "Kaskade" im eigenen Shop angeboten, um einen legale Alternative zu bieten, aber ich denke, man bedient sich heute lieber woanders ...

Für die Auftritte in Deutschland muss man sich leider noch etwas gedulden. Welche Veränderungen gibt es für die bevorstehende Tour oder setzt ihr auf alt bewährtes?

Wir werden sehen, die Planungen für die Umsetzung der Tour laufen. Fest stehen die Termine, die da wären:

22.09. Berlin - Columbia Fritz
23.09. Gotha - Stadthalle
24.09. Leipzig - Werk II (Halle A)
25.09. München - Alabamahalle
27.09. (A) Wien - Szene
28.09. (CH) Zürich - Xtra
29.09. K öln - Live Music Hall
30.09. Karlsruhe - Festhalle
01.10. (B) Mechelen - Theatrium
02.10. (NL) Den Bosch - W2
04.10. Dortmund - Soundgarden
05.10. Mainz - Kuz
06.10. Magdeburg - Factory
07.10. Dresden - Alter Schlachthof
08.10. Hamburg - Markthalle

Von mir soll es das gewesen sein. Viel Erfolg mit „Kaskade“ und vielen Dank für das Interview.

Ebenso :-)



Interview: Thomas Tröger & Project Pitchfork [Jürgen Jansen]
Juni 2005

Project Pitchfork:

Peter Spilles
Jürgen Jansen
Dirk Scheuber
Achim Färber
Carsten Klatte

Internet: www.pitchfork.de