POL   

Seit einigen Jahren firmieren Serena Gruß und Carsten Klatte unter dem Namen POL. Zwischen den Genre-Stühlen sitzt es sich immer noch am besten, auch wenn viele vermeintlich innovative Bands mittlerweile zum Schatten ihrer selbst geworden sind. Zum Glück setzen POL einen Gegenpart künstlerisch vielfältig in Szene und verzücken, den ersten Hörproben auf ihrer Homepage zu entnehmen, mit kammermusikalischem Schöngeist, emotional ansprechend und manchmal auch betörend schwungvoll. Wörter wie Faszination und das Verlangen nach mehr setzen sich in den Gedanken des Hörers fest. Eine gute Gelegenheit, dem Ursprung dieser Gefühle auf den Grund zu gehen.


Fangen wir ganz am Anfang von POL an: Was hat euch dazu bewogen, in einer Silvesternacht 2000/2001 das Projekt aus der Taufe zu heben?

Serena: Die Lust, eine Schnittmenge zwischen unseren beiden POLEN sichtbar zu machen.

Welche persönlichen Komponenten bestehen zwischen euch, um diesen Schritt zu gehen?

Wir finden uns großartig, lieben, schätzen, ehren und achten uns.
Wir wollen diese Schnittmenge HÖRBAR machen.
Wir sind neugierig aufeinander.

Serena, du bist als Sängerin und Schauspielerin aktiv. POL wird auf eurer Homepage als Soundtrack eines noch nicht gedrehten Films beschrieben. Da stellt sich einem natürlich die Frage, inwieweit die Schauspielerei eure Musik bzw. deinen Gesang beeinflusst.

Serena: Ich gehe als Sängerin manchmal sehr darstellerisch an die Musik heran. Dann visualisiere ich mir Figuren, die diese Lieder erzählen. Nehmen wir zum Beispiel mal "Chica Senorita", da wechsle ich stimmlich in den Figuren zwischen dem Teufel und der "Chica Senorita".
Es gibt auch Lieder, die sehr persönlich sind, da bin ich dann wahrscheinlich am nächsten an mir selbst dran, wenn man das überhaupt so sagen kann. Die Frage wer ich eigentlich bin, beschäftigt mich immer wieder. Ich will mich da nicht beschränken, ich habe viele Gesichter und viele Anteile in mir, wie jeder Mensch und ich möchte diese künstlerisch erforschen und erfahren. Dinge, die mich berühren, ansprechend in eine Form, in einen Ausdruck bringen.

Welchen Standpunkt haben visuelle Elemente im Kosmos von POL?

Carsten:
Videos als Begleitung oder Untermalung sind nicht so unser Ding. Da wir am Anfang eben auch viel Straßenmusik zusammen gemacht haben, ist das visuelle Element in unserer Performance eher theatralischer Natur, aber eigentlich ist uns das im Laufe der Zeit auch immer nebensächlicher geworden, da Rock And Roll generell nichts mit Darstellung zu tun hat.

Serena: Was das Bühnenoutfit betrifft, haben wir uns ganz kurz mal damit beschäftigt und dann festgestellt, dass es viel wichtiger ist, sich in unseren Klamotten wohlzufühlen. Für alles andere sollte die Musik und unsere Persönlichkeit sprechen.

Carsten, wenn man deine musikalische Laufbahn betrachtet, stolpert man über große Namen wie Wolfsheim, Project Pitchfork und auch Care Company. Was ist Dein Antrieb, Musik in diesem Maße dein Leben bestimmen zu lassen und warum hast Du mit POL noch eine neue Baustelle eröffnet?

Carsten: Also eigentlich, so habe ich das mal in einem anderen Interview gesagt, bin ich professioneller Punker. :-) Ich habe zwei linke Hände und da hat es eben nur zum Gitarre spielen gereicht. Ich finde in der Musik das direkteste Medium der Kunst und leider auch das sozialste, hatte ich doch irgendwann Intentionen, den Weg der klassischen Malerei zu gehen. Aber das kann man heute, in diesen überdigitalisierten Tagen, ja keinem mehr empfehlen!
Musik hat als Kunstform eben noch diesen "direkten Zugang" zum sozialen Kollektiv, welches die anderen Künste ja nicht mehr haben. Da ich ein politischer Mensch bin und es leider kaum noch kulturell ernstzunehmende Dinge und/oder Meinungen gibt, setze ich mich kulturpolitisch in Szene, um den Dialog über das Leben wieder aufzunehmen.
POL ist dabei nicht einfach eine weitere Baustelle, da ich als Profimusiker meine Brötchen verdiene, sondern einer der "Hauptkriegsschauplätze meines künstlerischen Dschihads". Neben meinem Soloprojekt Lacasa Del Cid, welches kulturpolitisch eigentlich noch motivierter ist (zum Teil auch extremer in den Ausdrucksformen), sehe ich POL als das wichtigste Vehikel meiner künstlerischen Botschaft an, die ich ja nicht in Projekten wie Wolfsheim propagiere, wo man so nette und intelligente Leute hat wie Peter Heppner oder Peter Spilles bei Project Pitchfork.

Was unterscheidet POL von deinen anderen musikalischen Tätigkeitsfeldern, Carsten?

Carsten: Bei POL (wie auch bei Lacasa Del Cid) verwirkliche ich meine musikalische Vision und verkünde meine künstlerische (oder menschliche) Botschaft, will sagen: Jeder Ton und jedes Wort wären eine kleine Revolte wert. Bei anderen Bands, in denen ich natürlich auch alles gebe, ist mein Handlungsspielraum erheblich geringer, deshalb mein Einfluss auf das Endwerk auch begrenzter.

Im Internet fallen Namen wie Tarek Saleh und Markus Köstner. Wie habt ihr Tarek und Markus kennen gelernt und welchen Part übernehmen diese beiden Musiker bei POL?

Serena: Tarek ist der Bassist meiner ersten Band (Ich war damals 15 Jahre alt.), den legendären HOLY FÖRSTERS aus Münster, das war so eine Hardcore-Schraddel Band. Zufällig traf ich Tarek 2003 nach zehn Jahren in einer Videothek in Berlin wieder. Nachdem der anfängliche Schock überwunden war, wurde Tarek spontan und im nostalgischen Gedenken an die guten alten Zeiten zur Bandprobe eingeladen und blieb dann auch. Markus ist Schlagzeuger bei Goethes Erben und Carsten hat ihn dort kennen gelernt.

Carsten: Genau, Markus habe ich 2001 bei den Erben kennen gelernt und wir haben sofort gemerkt, dass wir da an einer Stelle erheblich ähnlich ticken.

Serena: Für das Songwriting sind wir zuständig, Tarek und Markus sind sozusagen unsere Live-Unterstützung.

Euch gibt es nun schon seit mehr als 5 Jahren. Hat sich in der Zwischenzeit etwas in der Beziehung zwischen euch und der Musik verändert, gab es neue Ausrichtungen oder Einschnitte, die wesentlich zu eurem jetzigen Standpunkt beigetragen haben?

Serena: Ach ja, wir sind durch ganz schön viele unterschiedliche Stilrichtungen geschippert.
Das wird hoffentlich auch so bleiben, denn in der Vielfalt und Neugier liegt auch unser Potenzial. Wir weigern uns, irgendwelche Dogmen anzunehmen und jetzt nur noch gleich zu klingen. Ist doch auch langweilig jeden Tag Pizza zu essen.
Wir probieren alles mögliche aus, wollen auch unseren Spaß haben und etwas entdecken. Das wurde uns im übrigen auch schon von Labels vorgeworfen, wir wären nicht zu klassifizieren...gut so!

Carsten: Jawohl! Und das ist ja mit anderen Sachen, die man gemacht hat, auch so gelaufen. Zum Bleistift die Care Company -Platte, wo ich mal einen Ausflug in die Popelpopwelten machte, was auch absolut unterbewertet wurde, da es ja nicht Dieter Bohlen-Blödmusik war, sondern Popmusik mit verdammt intelligenten Texten, was in Deutschland leider ein Widerspruch zu sein scheint.

Welche Pläne gibt es für ein Album oder Live-Auftritte?


Serena: Wir sitzen jetzt im Studio mit unserem ersten Album. Es soll im Herbst 2006 erscheinen.
Unser Booking gestalten wir momentan noch selbst. Leider!!! Wo ist die Booking-Agency für uns...bitte lasst uns Euch finden!!

Welche künstlerischen Ansprüche habt ihr an POL?


Serena: Wachsen, wachsen, wachsen.

Carsten: Nun ja, falls wachsen ein Anspruch sein kann in einer Natur mit einer Evolution, wie sie nun mal gegeben ist... . Ich persönlich kann da nicht mehr von Anspruch reden, da ich in meinem "eigenen Reich" keine Ansprüche an mich selber stelle. Das passiert "da draußen" schon oft genug. Ich habe eher eine anspruchslose Wahrhaftigkeit, die ich durch mein Schaffen kultiviere (schöner Virus, der Kultivirus)... . :-)
Aber wenn ich von Anspruch reden würde, dann eher sowas wie "Keep your personal freedom".

Gibt es eine Zielsetzung, die ihr mit starkem Willen verfolgt und unbedingt erreichen wollt?

Serena:
Wir wollen spielen, spielen, spielen. POL ist eine Live-Band, da kommt das Potenzial so richtig gut zur Geltung. Wir sind einfach gerne auf der Bühne, das ist der Ort, wo wir uns zu Hause fühlen.
Des weiteren wollen wir natürlich noch viele gute Songs schreiben.

Carsten: Mit dem Arsch in die Luft ohne die Beine zu bewegen.

Eure Worte an die Gemeinde.

Carsten: Bitte bedenkt, dass der Begriff Kybernetik aus der Biologie entnommen wurde und dass es nichts Unkybernetischeres gibt, als den digitalen Rechner. Bitte bedenkt, dass es auch analoge Rechensysteme gibt, die zwar nicht so enorme Speicherkapazitäten haben, jedoch selbstregulierender arbeiten können. Bedenkt ebenso die Unschärferelation, die Fuzzy Logic, denn ihr seht ja fast schon so aus wie Eure Maschinen. Seid Ihr selbst, seid analog... und genießt das Leben wo immer ihr es trefft!

Vielen, herzlichen Dank an Serena und Carsten für das kurzweilige, humorvolle und interessante Interview!



Interview: Daniel Leckert & POL
März 2006

POL:

Serena Gruß
Carsten Klatte

Internet: www.polmusic.net