Am 29.08.05 erscheint ein neues Album von Phillip Boa & The Voodooclub, welches auf den Namen „Decadence & Isolation“ hört und im Spätherbst von einer ausgiebigen Tour eingerahmt wird. Zusammen mit Pia Lund und dem Voodooclub reiht sich ein unnachahmlich typisch und trotzdem frisches Werk in die umfangreiche Boa-Historie ein. Zu diesem Anlass treffe ich Phillip Boa am frühen Abend in der Lounge eines Hamburger Hotels. Für meine Fragen lässt er sogar seine gerade servierten Sandwiches stehen, die, wie er bemerkt, ohnehin schon kalt sind.
Was für ein Gefühl hattest Du bei den Aufnahmen zur neuen CD, ging es in die Richtung von „nach Hause kommen“, da Du wieder in der Konstellation mit Pia Lund und dem Voodooclub gearbeitet hast?
„Coming home“ – das klingt wie ein Titel von U2. (grinst) Ich habe Jahre gebraucht, um wieder den Mut aufzubringen, es in dieser Konstellation erneut zu versuchen. Pia hat ihrerseits auch einige Jahre gebraucht, mich so viel weniger zu hassen, dass sie mit mir diese Platte aufnehmen konnte. Sie prägt den Sound mit ihren Melodien und das ist positiv. Dementsprechend war es auf jeden Fall eine gute Entscheidung, Pia wieder mitmachen zu lassen.
Wie muss man sich den Songwritingprozess und die Aufnahmephase vorstellen? Wie seid Ihr vorgegangen?
In den letzten Jahren hat es sich so entwickelt, dass ich erst Texte schreibe, die vielleicht nur 4 bis 8 Zeilen beinhalten. Danach komponiere ich dazu die Musik auf der Gitarre oder dem Klavier und gehe damit ins Studio. Dort erkläre ich David Vellas (Co-Produzent) die Atmosphäre in den Songs. Es läuft vieles über die Geschwindigkeit, die für einen bestimmten Text notwendig ist. Ich glaube, es ist meine Stärke, dass ich die Stimmung eines späteren Songs schon viel früher im Ohr habe und das auch in meiner Anfangszeit zum tragen kam, als ich noch weniger Ahnung hatte.
Pia erfindet dazu im Optimalfall schöne Melodien, so dass sich daraus langsam der fertige Song entwickelt.
Als Produzenten waren dieses Mal Swen Meyer (Tomte, Kettcar) und Gordon Raphael (The Strokes) am Werk.
Welche Gründe gab es, gerade diese beiden mit ins Boot zu holen?
Generell ist es für mich wichtig, die Produzenten und Mixer öfter zu wechseln, weil ich ziemlich viel produziere. Ich habe in der Vorbereitung zum neuen Album nach fähigen Leuten gesucht und der Zufall spielt auch eine große Rolle. Swen Meyer war ein Favorit von Tim Renner, dem Labelchef von Motor. Gordon Raphael ist dagegen nahezu zufällig auf unsere Musik gestoßen. Das Treffen mit den beiden verlief sehr positiv und so haben wir recht schnell losgelegt. Man achtet natürlich auch auf die Bands, mit denen der jeweilige Produzent gearbeitet hat. Mit Swen hatte ich ein längeres Brainstorming, weil er viel mit deutschsprachigen Bands zusammenarbeitet und dieser Aspekt sehr interessant war. Er hat sofort verstanden, welchen Sound ich haben will. Somit war es schnell geklärt und wir konnten mit der Arbeit beginnen.
Was war ausschlaggebend für deinen Wechsel zur alten Heimat Motor Music?
Von welcher Seite ging die Initiative aus, wieder zusammen zu arbeiten?
Die Initiative ging von Motor aus, weil ich noch nicht ganz von BMG weg war. Das hat mich sehr gefreut, denn Motor war von Anfang an sehr engagiert. Sie kümmern sich liebevoll um meine Arbeit. Im Gegensatz zu BMG, wo die Product Manager total überlastet waren und kaum auf Details eingehen konnten. Mit ein paar Abstrichen bin ich sehr zufrieden, wieder bei Motor Music gelandet zu sein.
Du hast wie so oft im David Vellas Temple Studio auf Malta aufgenommen. Hat dieser Ort, bzw. auch dein Wohnsitz Malta, damit zu tun, von aktuellen Trends weniger mitzubekommen?
Überhaupt ist es wichtig, für die Zeit des Songwriting ein wenig isoliert zu sein. Wobei es nicht heißen darf, dass man sich immer isolieren sollte, da es so schnell zu Wiederholungen in der Musik kommt. Es gibt eine Zeit, in der ich alle Eindrücke aus Büchern, Filmen oder von den Menschen selbst aufsauge und mich danach zurückziehe und von der Außenwelt abschotte, um diese Eindrücke zu sammeln und zu fokussieren. So kommt es schnell zu Ideen für Songs.
Apropos Trends: Zur Zeit gibt es einerseits viele neue, erfolgreiche Bands aus dem britischen Raum und andererseits viele neue deutschsprachige Bands. Gibt es für dich positive Entdeckungen aus diesem Sog von Bands?
Welche werden in deinen Ohren den Hype überleben?
Dass man diese Situation als Hype bezeichnet, ist meistens nicht die Schuld der Bands, sondern begründet sich in Marketingmaßnahmen der Plattenfirmen. Die Bands können durch diese Maßnahmen zerstört werden und das ist wirklich sehr schade. Ich schätze einige Songs, z.B. „Denkmal“ von Wir Sind Helden und „Landungsbrücken raus“ von Kettcar, wobei ich bei anderen Bands befürchte, dass sie zu schnell zu groß geworden sind und das nicht gut für sie ist.
Deine erste Single „Burn All The Flags“ gibt es bisher nur als Download im Internet. Nun habe ich gelesen, dass es evtl. doch eine physische Maxi-CD geben könnte. Wird es definitiv so sein und wenn ja, was hat dich dazu bewegt, sie doch regulär in den Handel zu bringen?
Definitiv wird eine Single auf den Markt kommen. Das war allerdings nicht mein Entschluss, sondern die Entscheidung der Plattenfirma. Ich kann es nicht ganz nachvollziehen, akzeptiere es aber, gerade weil es den schönen Nebeneffekt hat, dass so 5 oder 6 Songs, die nicht auf dem Album sein werden, als B-Seiten veröffentlicht werden können. „Femme Fatale“ zum Bespiel ist ein Livesong, den die Fans sehr lieben und der als Studioversion auf der ersten Single enthalten sein wird. Aus diesen Gründen habe ich dem Vorschlag der Plattenfirma zugestimmt.
Die vorige Frage aufgreifend: Wie siehst du die Zukunft der Musikindustrie? Werden die legalen Downloads immer mehr Platz in Anspruch nehmen und die klassische LP/CD-Sammlung nach und nach verdrängen?
Erstens glaube und zweitens hoffe ich nicht, dass dem so sein wird. Ich mag legale Downloads, da eine Band so alle Freiheiten hat und nicht auf eine Plattenfirma angewiesen ist. Ich würde es allerdings sehr traurig finden, wenn der physische Tonträger sterben würde, wie Tim Renner es prophezeit. Die kostenpflichtigen Downloads haben im Vergleich zu den CD-Verkäufen immer noch einen sehr kleinen Anteil.
Es hat eine gewisse Romantik, etwas in den Händen zu halten, gerade wenn es liebevoll gestaltet ist. Dieses Phänomen siehst Du auch bei Büchern. Auf einer anderen Art wurde in den 70ern oder 80ern der Tod des Kinos befürchtet, weil Videos auf dem Vormarsch waren. Heute sieht man, das Kinos immer noch laufen, weil es eben eine romantische Ebene hat, in ein Kino zu gehen oder sich eine schöne CD zu kaufen. Die Menschheit wird diese Romantik nicht missen wollen.
Abseits vom Präsentieren der neuen Songs, was macht für dich das Tourleben aus?
Das ist eine lebenslange Sucht und auch ein Problem, weil man nicht davon wegkommt. Man geht auf Tour wie ein Wanderzirkus und viele Leute fahren mit, seien es Hardcore-Fans und die Crew. Es ist das selbe, wenn Menschen in den Urlaub fahren.
Natürlich ist es auch schön, gerade als älterer Künstler, neue Songs spielen zu können und nicht immer nur die Klassiker. Vor allem, wenn man in der Öffentlichkeit noch registriert wird. Wenn dem nicht mehr so wäre, müsste ich aufhören.
Was hast du zum Abschluss noch zu sagen?
Wenn man unehrlich ist, sagt man, wie nahezu alle Künstler es tun, dass das neue Album das Beste ist, was man je gemacht hat. Um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht. Ich habe mein Bestes gegeben. Für mich sind die neuen Songs wunderbar und ich bin damit zufrieden. Es ist immer ein wenig ungewiss und das macht auch gerade den Reiz aus. Mich kann nach 20 Jahren nichts mehr schocken und gewisse Erwartungen sind für mich irrelevant. So kann ich es kaum erwarten, bis „Decadence & Isolation“ am 29.08. in die Läden kommt.
Vielen Dank an Phillip Boa und Motor Music sowie Add-On Promotion für die Möglichkeit, dieses Interview führen zu können.
Interview: Daniel Leckert & Phillip Boa
August 2005
Internet: www.phillipboa.de