"Gelb" heißt die dritte reguläre CD von Neuroticfish, die in diesen Tagen erhältlich
ist. Wir unterhielten uns im Vorfeld mit Sascha Mario Klein über Wegweiser,
Werbung, Hörbücher, Orangen und natürlich über Musik.
Hallo
Sascha! Seit ein paar Tagen läuft bei mir "Gelb" rauf und runter. Bevor wir
zur Musik kommen gleich zu Beginn die entscheidendste aller Fragen: Warum "Gelb"
als Titel einer CD? Bei der Farbe Gelb denke ich an den Tiefflug von Borussia
Dortmund oder daran, dass heute meine Post erst um 14.30 Uhr ausgetragen wurde....
Warum also "Gelb" und nicht "Rot" wie die Liebe oder Bayern München?
Warum gerade "GELB"? "GELB" ist z.B. die Farbe von Wegweisern und Warnschildern.
Auch der "Blinker" am Auto hat die Farbe "GELB". Die Farbe repräsentiert für
mich, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. An der richtigen Ausfahrt den
Blinker gesetzt zu haben und rausgefahren zu sein. "GELB" ist das Album, an
dem ich auch als Musiker sehr gereift bin. Es ist genau die Musik, die ich zu
diesem Zeitpunkt machen wollte und ich bin sehr froh, dass das Album genau so
geworden ist, wie ich es mir ausgedacht habe.
Wer soll denn die Karikatur auf dem Cover darstellen? Bist du das etwa?
Karikatur? Das bin ich mit drei Jahren wie ich meinem Vater in die Kamera singe.
Nein ,das ist definitiv keine Karikatur. Ich bin wirklich so hübsch (gewesen).
Nun war "The Bomb" ja bereits der viel beachtete Vorbote. Daher habe ich
gleich mal zuerst die Bonus-CD der Limited Edition eingelegt. Wie kam´s denn
dazu, den Text als "Die Bombe, die nicht tickt" als gesprochenes Stück in Deutsch
aufzunehmen? Zu viel Dieter Bohlens Buch auf CD vorlesen lassen?
Es gibt auch Hörbucher mit höherem Niveau als die Ergüsse des Herrn Bohlen,
aber vielleicht sind die dir noch nicht begegnet ;-) Auf dieser Geschichte basiert
der Text von "Bomb". Das Interessante daran ist, dass ich nach "Bomb" sehr viele
Anfragen bekam, wo man diese Kurzgeschichte nachlesen könnte. Der Autor der
Geschichte ist ein guter Freund von mir und hat die "Die Bombe" bisher noch
nicht veröffentlicht. Aber die Nachfrage war sehr hoch und da haben wir uns
überlegt, aus der Kurzgeschichte eine Art Drehbuch zu schreiben und ein kurzes
Hörbuch daraus zu machen. Strange Ways fand die Idee so gut, daß sie daraus
eine limitierte Edition von "GELB" machen wollten.
Dass ein Titel wie "Loading..." instrumental eine CD einleitet, kann ich
ja noch nachvollziehen. Aber was hast du dir denn bei "Short Commercial Break"
gedacht?
Wir haben einfach alle möglichen Neuroticfish-Songs wie bei einem Sendersuchlauf
zusammengemischt. Das ganze mit irgendwelchen stupiden Werbe-Samples gespickt,
bis es zum Hörsturz kommt. Es ist ein Aufbäumen gegen diesen ganzen Werbewahnsinn,
der im Moment herrscht. Du kannst doch ein völlig beschissenes Produkt auf den
Markt bringen, solange Du es nur gut bewirbst, wird es sich auch verkaufen…
Zahlst du mir die zehn Euro Praxisgebühr? Beim ersten Hören von "The Bomb"
hab ich anfangs richtig aufdrehen müssen und nach 30 Sekunden fast das Gehör
verloren....
Ist halt eine "Bombe" ;-)
Nachdem
"The Bomb" wohl eines Deiner bislang eingängigsten Stücke überhaupt ist, habe
ich auf "Gelb" mit "I don´t need the City" eigentlich nur, ohne das jetzt abwertend
meinen zu wollen, einen einzigen weiteren Song gefunden, der sich als zweite
Auskoppelung eignen würde.
In erster Linie ist "Gelb" keine Ansammlung von (möglichen) Singles. Jeder einzelne
Song steht für sich allein und es wurde weder ein übergeordnetes Albumkonzept
künstlich aufgezwungen, noch überlegt, welche möglichen Singles ausgekoppelt
werden können. Vielleicht bilden die Songs gerade deshalb eine bessere Harmonie.
Uns war es wichtiger, was der einzelne Song braucht, nicht wofür man ihn benutzen
kann.
Die "The Bomb"-EP hat mit "No more Ghost" meiner Ansicht nach eher noch einen
Kandidaten für eine Single.... Oder "Suffocating right", das auf EP und Longplay
zu finden ist. Warum hast du so viele Perlen schon frühzeitig rausgehauen?
Ich nutze oft die B-Seiten dazu aus, den Zuhörern Songs 'unterzujubeln', die
allein stehend sicher kein Gehör gefunden hätten. Sei es weil sie zu experimentell
oder zu persönlich oder gar zu schwierig sind. Bei der "Bomb"-EP wollte ich
den Leuten klar machen, was sie von "Gelb" erwarten könnten. "Suffocating Right"
haben wir vorab als sehr "rohe" Version auf "Bomb" rausgebracht, da er den Leuten
die Ohren für etwas Neues vom Fish öffnen sollte. Es war einfach unsere Art
"Macht euch auf was gefaßt" zu sagen.
Erzähl mal, was Du Dir bei "They´re coming to take me away" gedacht hast.
Ganz ehrlich: Das Ding ist so verrückt, das wäre ja ´ne Kiste als Single-Auskoppelung....
Single… Single… Single… Mich interessiert es ehrlich überhaupt nicht, ob ein
Song das so vielgelobte "Single-Potential" hat oder nicht. Das ist genauso langweilig,
wie die übliche Betitelung "Club-Hit". Was sagt das eigentlich aus? Nichts!
Der Songs ist über jemanden dem der Hund weggelaufen ist und der sich darüber
so aufregt, dass er in die nächste geschlossene Anstalt kommt. Ich fand ihn
beim durchstöbern der Plattensammlung
meines Vaters, der auch in den 60ern als Musiker unterwegs war. Das Teil hat
mich dann über Jahre hinweg verfolgt.
Was hat sich denn bei dir seit "Les Chansons Neurotique", der letzten CD,
alles verändert? Etwas, dass dich musikalisch beeinflusst hat? Oder textlich?
Bomben, Schmerz, Hass und ein "Fool" passen ja ganz gut zur Weltlage - um nur
mal ein paar Teile aus Songtiteln rauszugreifen.
Ich bin auf jeden Fall älter geworden und habe wie immer über die Sachen geschrieben,
die mir wichtig waren. Daran hat sich auch nichts geändert. Ein Freund meinte
jedoch zu mir, meine Texte wären präziser geworden. Ich würde nicht mehr um
den Brei herumreden. Ich glaube das paßt ganz gut. Der Opener "Why don't you
hate me" macht dann doch ganz schnell eine der Grundstimmungen von "GELB" deutlich:
"Wenn es Dir nicht passt, dann verpiss dich doch und lass mich in Ruhe! Es zwingt
Dich ja keiner das Album zu ende zu hören."
Was
macht "Need", dein "Alter Ego" von der Vorgänger-CD?
Need hängt bei mir im Studio an der Wand und darf nur noch zuschauen. Da Henning
jetzt mit an Bord ist, waren drei einer zu viel.
Gutes Stichwort: Was auffällt ist die erweiterte Zusammenarbeit mit Henning
Verlage. Ist er fast schon ein Mitglied von Neuroticfish? Woher kennt ihr euch
und wie kam´s zum Miteinander?
Henning ist schon länger der Live-Keyboarder von Neuroticfish gewesen. Henning
hat in den Niederlanden Musikproduktion studiert und arbeitet seither mit den
unterschiedlichsten Produzenten aus Indie, Pop und Rock zusammen. Seine daraus
resultierenden Erfahrungen haben uns bei der Produktion von "GELB" wirklich
sehr geholfen und ich persönlich habe dabei sehr viel gelernt.
"Gelb" klingt meines Erachtens nach ein bisschen anders als die Vorgänger.
"Reifer" nennt man das, glaube ich. Bist du erwachsener geworden? Hast du dich
mit Tempo-Nummern auf den CD´s davor ausgetobt?
Wir haben immer wieder ausprobiert, wie weit wir mit Neuroticfish gehen können.
Welche Elemente können wir mit hinein nehmen. Wo führt der Song hin. Ist zuviel
wirklich zuviel oder ist genug zu wenig? Dabei sind Songs herausgekommen, die
man von Neuroticfish natürlich nicht so erwartet. Mir gefällt der Gedanke, den
Zuhörer erst mit vermeintlich gewohnten Strukturen in Sicherheit zu wiegen,
um Ihn dann zum Ende des Albums noch einmal richtig durchzuschütteln.
José-Alvarez Brill hat diesmal keine Titel produziert. Woran lag´s?
Mit Henning Verlage, dem jetzt regulärem Mitglied von Neuroticfish habe ich
einen sehr fähigen und talentierten Produzenten mit im Boot. Da hätte es keinen
Sinn gemacht… Außerdem ist der zu teuer (lacht) (Sorry Jose -couldn't resist
;-)
Erzähle mal ein bisschen, wer hinter Neuroticfish steckt. Wo lebt Sascha
Mario Klein, wie alt ist er, was macht er außer Musik? Ist er verheiratet, hat
er Kinder? Welche CDs zieht er sich zuhause rein? Ich habe einen Bekannten,
der steht auf Techno, der könnte wetten, dass Du aus der Ecke kommst....
Techno? Wo gibt es den denn noch? Das liegt wohl am "Dune"-Remix von "Bomb".
Ich habe mich vor Jahren von der Ruhrmetropole Bochum verabschiedet und bin
ins schöne Münsterland gezogen, da ich die Ruhe hier sehr genieße. Warum? Das
kann man in "I don't need the city" sehr gut erfahren. Was mache ich außer Musik
- leben, arbeiten - Das übliche halt ;-) Verheiratet bin ich nicht, Kinder habe
ich auch nicht. Was höre ich im Moment: IAMX "Kiss and swallow" (großer Britpop)
VAST "Nude" und alles Alte von Suede (die es ja leider nicht mehr gibt) und
The Smiths (ebenso). Wie du siehst, liegt dein Bekannter eindeutig falsch.
Gibt´s Livepläne?
Wir planen im Moment die ganzen Festivals und eine kleine Tour. Es steht aber
leider noch nichts fest.
Was bedeutet "573 nm"? Und was hat es mit der Tierhilfe Andujar auf sich?
573 nm (Nanometer) ist die Wellenlänge von reinem "Gelb". Die Tierhilfe Andujar
ist eine Organisation von Privatleuten in Südspanien, die sich dem Retten von
Straßenhunden verschrieben haben. Es ist ja schon länger bekannt, dass in den
südlichen Ländern Tiere einen ganz anderen gesellschaftlichen Stellenwert haben,
als bei uns. In Spanien machen sich es die Behörden sehr einfach und entgegnen
der überpopulation von Strassenhunden mit unmenschlichen, tierquälerischen Tötungspraktiken.
Davon kann man sich sehr gut auf der Webseite www.tierhilfe-andujar.de
überzeugen. Die Tierhilfe Andujar befreit Hunde aus den Tötungstationen, peppelt
sie auf und vermittelt sie. Die Organisation hat sich voll und ganz dem Tierschutz
verschrieben und wird auch nur aus Privatspenden finanziert. Meine Freundin
und ich haben unseren Hund auch über diese Organisation bekommen und sind damit
sehr glücklich. Wir versuchen den Leuten zu helfen und unterstützen ihre Arbeit
wo wir nur können.
Warum heißt das neue Album nicht Orange, wenn Du doch schon auf der Maxi
empfiehlst: "Esst mehr Orangen!"?
"Gelb" ist zum Hören - Nicht zum Essen ;-)
Interview: Michael Horling & Neuroticfish
Januar 2005
Neuroticfish:
Sascha Mario Klein
Henning Verlage
Internet: www.neuroticfish.com