"N-Gin" heißt die aktuelle CD der finnischen Band Neuroactive. Oder besser: Des finnischen Ein-Mann-Projektes. Denn für sein aktuelles Werk lieh sich Mastermind Jarkko Tuohimaa gleich mehrere Stimmen verschiedener Damen und Herren aus, um sein diesmal sehr kommerziell ausgefallenes Gesamtwerk gesanglich zu vertonen. In unserem Interview spricht Tuohimaa über die Nachteile von Instrumental-Tracks, über die Entwicklung von Techno über Synthiepop zu Trance und warum Neuroactive die Songs von "N-Gin" nicht auf die Bühne bringen.
Hallo Jarkko, "N-Gin", die neue CD, ist bereits eure fünfte. Seit ihr 1991 angefangen habt, entwickelte sich eure Musik, um es mal zu beschreiben, vom industriellen Techno über Synthiepop jetzt hin zu Techno Trance. "N-Gin" klingt meiner Meinung nach eher schon wie Musik für die Massen. So, dass sie sich wirklich für alle DJ´s dieser Welt eignen würde. Ist Neuroactive 2005 keine typische Independent-Band mehr?
Es ist immer noch ein komplettes Independent-Projekt. Tatsächlich aber wollte ich, dass diese Scheibe ein bisschen mehr ein "commercial feeling" bekommt. Ich wollte es so werden lassen, wie die Alben von Oakenfold und Tiesto sind – mit verschiedenen Sängern und poppig-trancig.
Wenn jemand, der “Neuroactive” nicht kennt: Kannst Du für solche Menschen mal die Band bitte in wenigen Worten beschreiben?
Das ist gar nicht so einfach als Hauptbetroffener. Ich befürchte mal, dass ich vielleicht zu viele Dinge darin sehe. Naja, die Songstrukturen sind wohl vergleichbar mit allgemein bekannten Formeln aus der Popmusik. Es ist eine Art Synthiepop, der vom Sound her durch die schnellen Songs der neuen Platte mehr in Richtung Techno und Trance neigt. Zuletzt hat auch noch Progressive House meine Aufmerksamkeit erweckt…. Techno-Pop oder einfach Electro mag unterm Strich das richtige Wort für Neuroactive sein.
Und es ist auf alle Fälle derzeit ein Ein-Mann-Project. Warum hast du das Line-Up der Band schon so oft geändert?
Schwer zu sagen…. Menschen wechseln und mit ihnen wechselt die Musik, die sie mögen. Das ist der Grund, warum die Zusammensetzung sich änderte. Das ist ein natürlicher Teil einer Weiterentwicklung. Ein anderer Grund könnte aber auch sein, dass ich in der Zusammenarbeit ein totaler Esel bin ;-)
"Fiber – optic – rhythm", meine erste CD von dir/euch aus dem Jahre 1999, hast du mit K. Karjalainen als einzigen Sänger aufgenommen. Warum arbeitet ihr nicht mehr miteinander?
Momentan ist gar nicht so sicher, dass wir endgültig nicht mehr kooperieren. Hoffentlich nehmen wir in der Zukunft noch mal ein paar Songs zusammen auf.
Warum aber die Entscheidung, aktuell mit vielen Gastmusikern zusammenzuarbeiten und nicht mehr mit einem konstanten, festen Sänger?
Zunächst war dieses neue Album als reine Instrumental-CD angedacht. Dann aber habe ich zur Kenntnis genommen, dass die meisten meiner Kompositionen nach Stimmen verlangen…
Erzähl uns ein bisschen was über die Entscheidung, mit den uns in Deutschland an sich recht unbekannten Sängern zu kooperieren…
… Viktor Ginner: Über das Label "A Different Drum" kam ich mit ihm in Kontakt. Wir haben unsere Zusammenarbeit sehr genossen. Er hat einen Ehrfurcht gebietenden Job gemacht.
… Nate Nicoli: Wir kannten uns seit einigen Jahren, seit ich einen Teil eines Albums von B! Machine produziert habe. Ich mag seine Musik und seine Stimme sehr.
… Charlene April Bachmann: Ich habe den Titel "Major Philosopher" von „Blind Faith & Envy” letztes Jahr remixed. Ich habe mich sofort in ihre Stimme verliebt.
… Kristy Venrick: Kristy wurde mir ebenfalls von meinem Label-Manager vorgestellt. Eine sehr nette Person bei der Zusammenarbeit mit einem sehr charakteristischen Gesangsstil.
… Kirk Taylor: Kirk arbeitete mit Nate zusammen und hat auf "Dreams that were near me" absolut für hervorragende Backing Vocals gesorgt.
All diese Sänger sind von Bands, die – wie gesagt – in Deutschland sicher nicht jeder kennt. Erzähle uns was über Rupesh Cartel, B! Machine, Blind Faith and Envy, The Azoic und The Dignity of Labour. Sind das alles Synthiepop-Bands?
Ja, mehr oder weniger kann man sie diesem Gebiet zuordnen. Wobei "The Azoic" eher für rauhere Töne sorgen…
Hat sich beim Arbeitsprozess an der CD vieles dadurch geändert, weil du keinen festen Gesangspartner mehr hast?
Schon vieles, klar. Es hat das Schöpferische ein wenig herunter gebremst. Ich habe für dieses Album eine menge mehr Songs geschrieben als für frühere, bestimmt 20 insgesamt. Instrumental-Titel benötigen dabei ganz einfach eine längere Zeit als gesungene, weil man bei ihnen mehr mit der Programmierung zu tun hat.
Wenn Du Titel schreibst: Weißt du dann schon ganz genau, welche Stimme am besten dazu passt?
Nicht wirklich…. Ich lasse eher schon die Stimmen auswählen, welchen Song sie bevorzugen. Wenn die Tonart dann nicht passt, lässt sich immer noch leicht wechseln.
Hast Du noch Kontakt mit V.Rainne und V.Brusi, de zwei Jungs von der Bandgründung 1991?
Ja, habe ich. Ich remixe derzeit ein bisschen was für ihre neue Band „Flux“.
Welche Musiker und Bands interessieren Dich in diesen Tagen?
DJ Tiesto, Oakenfold, Paul Van Dyk, Ian Van Dahl, Fluke, Underworld, Syntax, Juno Reactor, Mesh... um nur ein paar zu nennen.
Und wie heißen die nächst besten Pop-Bands aus Finnland?
Ich mag die Band namens Rinneradio. Die machen Ambient-Jazz mit Saxophon. Oder Darude, das ist guter Mainstream-Trance. In Finnland wächst die Beliebtheit der elektronischen Produzenten. Anscheinend tut sich derzeit wirklich eine Menge beim Export finnischer Musik.
Depeche Mode haben auch eine neue CD heraus gebracht. Magst du die und was sagst du zu ihrer Entwicklung in den letzten 20 Jahren?
Das neue Album ist viel besser als die Vorgänger. An sich habe ich seit "Violator" mein Interesse an DM verloren. Bis dahin hatte sie Produktionen, die ich bewundere. Die letzten drei CDs aber hatten zwar einige gute Titel; verglichen aber mit den neun tollen Stücken auf "Violator" ist das aber etwas ganz anderes.
Was machst Du hauptberuflich? Oder ist es mit deiner Musik möglich, genügend Geld zu verdienen?
Ich bin Sound-Designer. Ich mache Sound-Design für Theatermusik.
Was sind Deine nächsten Pläne? Geht´s auf Tour? Oder denkst Du schon an die nächste CD?
Ich konzentriere mich in der Tat schon auf das nächste Album. Hoffentlich dauert das dann nicht wieder so lange wie "N-Gin". Und ich habe schon noch was in der Hinterhand. Es hat also durchaus seine Vorteile, wenn man nicht alle seine Songs auf eine CD bekommt… Ich konzentriere mich dabei alleine auf die Studioarbeit. Es wird also keine Gigs geben, um dieses aktuelle Album zu unterstützen.
Interview: Michael Horling & Neuroactive
November 2005
Neuroactive:
Jarkko Tuohimaa
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