Auch wenn es im letzten Jahr keine Veröffentlichungen gab, haben sich
Melotron keineswegs ausgeruht, vielmehr waren sie damit beschäftigt Konzerte
zu bestreiten und die vollste Konzentration in das neue Album zu legen. Zwar
werden bis zur Veröffentlichung noch ein paar Tage vergehen, soll das aber
kein Grund sein, nicht doch schon einmal nachzufragen wie es denn diesbezüglich
aussieht.
"Sternenstaub"
liegt schon wieder ein Stück weit zurück. Wie geht es euch in Anbetracht den
Hörern noch in diesem Jahr neues Material vorzustellen?
Gut…sehr gut und ein wenig aufgeregt. Aber das ist immer so.
Du schließt dich wochenlang ein, denkst dir neue Stücke aus und verarbeitest
Erlebtes. Du philosophierst, "bastelst", "schraubst" und mixt dir ein musikalisches
Klangwerk aus deinem Herzblut zusammen und am Ende sollst du dies der öffentlichkeit
vorstellen. Da kommt dann immer etwas Nervosität auf. Auf der anderen Seite
sind wir natürlich begeistert von dem neuen Material und gerade nach dieser
etwas längeren Zeit brennen wir darauf, die neuen Sachen vorzustellen.
Die Pläne, ein Jahr nach "Sternenstaub" mit einem neuen Album aufzuwarten,
sind nicht ganz aufgegangen. Nehmen die neuen Songs doch mehr Zeit in Anspruch
oder an was liegt es?
Wie schon gesagt, ist doch etwas mehr als ein Jahr vergangen. Aber dies lag
an vielen Faktoren. Zum einen waren wir im letzten Jahr viel unterwegs. Wochenlang
auf Achse und Konzerte geben, das schlaucht schon etwas. Zwischendurch haben
wir uns immer mal eine kleinere Auszeit genommen, damit dass alles nicht zuviel
wird. In diesen Stunden und auch in anderen ruhigeren Minuten ließen wir unserer
Kreativität freien Lauf und machten erste Text- und Melodieentwürfe, aber ins
Studio wollten wir erst nach einer Ruhephase gehen. Wir brauchten die Ruhepausen
vor allem zum Entspannen und Kräfte sammeln. Außerdem wollten wir dieses Album
ruhig angehen und mal wieder richtig lange daran "rumzufrickeln", auf jede Kleinigkeit
achten um den kreativen Prozess voll auszuschöpfen.
Bei "Sternenstaub" haben wir sehr spontan gearbeitet. Noch völlig im Jetlag
von der damaligen USA - Tournee sind wir ins Studio und haben einfach "drauflosmusiziert".
Wir haben nicht groß darüber nachgedacht, warum wir was machen, sondern uns
bei dem Album voll und ganz auf unsere Emotionen verlassen. Sounds und kleine
Feinheiten spielten eine wesentlich untergeordnetere Rolle als beim jetzigen
Album. Für uns stand das songliche Einfangen einer gefühlten Momentaufnahme
im Mittelpunkt. Bei unserem neuen Klangwerk waren wir dagegen viel kopflastiger
am Arbeiten. Unser Augenmerk lag auf der Wirkung jeder einzelnen Sequenz, jedem
Geräusch, jedem Wort, jeder Melodie… Wir haben jedes einzelne Stück als Kunstwerk
in sich betrachtet. Dabei waren wir musikalisch wesentlich konsequenter unterwegs.
Was dies bedeutet, davon kann sich der Zuhörer demnächst selbst ein Bild machen.
:-)
Wenn man sich, wie im Falles eures neuen Albums mehr um Feinheiten im Sound
kümmert, läuft man da nicht schnell Gefahr, dass andere Bereiche wie eben die
Texte etwas in den Hintergrund geraten? Oder anders gefragt: Texte und Songs
entstehen meist unabhängig von einander, wenn diese dann zu einer Einheit zusammengeführt
werden, und sich Rhythmik oder beispielsweise auch musikalische Spielereien
mit dem Text nicht vereinbaren lassen, ist es dann nicht eine schwere Entscheidung
ob man den Text nochmals überarbeitet, so dass er sich dem Song und seinen ganzen
Feinheiten anpasst oder verzichtet man auf musikalischer Ebene?
Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Andy und ich abreiten eigentlich fast
immer nach dem Schema, wer die bessere Idee hat, bekommt den Zuschlag. Sprich,
wenn Andy eine sehr schöne Melodie schreibt, werde ich mich auf keinen Fall
quer stellen, wenn dazu kein passender Text da ist, sondern mich hinsetzen und
von der Musik zu einem neuen Text inspirieren lassen. Umgedreht läuft es ähnlich.
Wenn Andy von mir einen Text erhält, den er auf jeden Fall vertonen will, dann
richtet er sich dabei komplett nach dem Text.
Eine dritte Variante ist, dass wir beide mit einer Idee an den Start gehen und
uns gegenseitig beeinflussen. Meist haben wir dann beide irgendwelche Fragmente
im Kopf, die wir dann zusammenfügen zu einer Einheit. Dass beide Seiten dabei
auch immer mal Kompromisse eingehen müssen, ist, denke ich, selbstverständlich.
Dies ist die erste und wichtigste Aufgabe. Ein gutes und solides textliches
wie melodisches Fundament für einen Song. Wenn dies steht, kann man sich Gedanken
über die Sounds und Feinheiten machen. Von daher ist die Gefahr nicht gegeben,
dass die Texte in den Hintergrund treten.
Wir haben meist von Anfang an den Song in seiner ungefähren Art schon im Kopf.
Wissen also, wie der Song aussehen soll. Es ist schon ein paar mal vorgekommen,
dass ein Soundgerüst komplett gekippt wurde, weil es nicht unseren Vorstellungen
entsprach, aber Texte und die wichtigsten Melodiebögen haben, wenn überhaupt,
nur ganz minimale Veränderungen erfahren.
Ihr ward sehr lange mit "Sternenstaub" auf Tournee. Blieb während dieser
Zeit auch Platz an neuen Stücken zu arbeiten oder passierte das erst hinterher?
Während der Tour haben Andy und ich Ideen gesammelt. Jeder hat für sich seine
Eindrücke und Gedanken verarbeitet. Außerdem haben wir Tage, wenn wir mal zuhause
waren, einfach bei Andy in der Bude abgehangen, ferngesehen und über Gott und
die Welt diskutiert. Die Themenauswahl bei diesem Diskussionsansatz ist einfach
zu riesig. Stichpunktgeber waren meist irgendwelche Nachrichtensender mit ihren
"wichtigen" oder besser noch Musiksender ohne ihre "wichtigen" Informationen.
Eine Welt voller Clichés. Viel Stoff für viele Songs.
Einige Zeit nach der Tournee sind wir dann ins Studio und haben begonnen aus
unseren Rohstoffen die Songs zu kreieren, wie sie auf dem Album zu finden sein
werden.
"Weltfrieden" wurde damals überschwemmt mit Lob! Wenn ich Recht in der Annahme
bin, konnte "Sternenstaub" nicht wirklich daran anknüpfen. Macht man sich über
so etwas eigentlich Gedanken, wenn man sich an ein neues Album heranwagt?
Wir denken eigentlich nie darüber nach, ob ein Album so erfolgreich sein wird
wie sein Vorgänger. "Sternenstaub" war erfolgreicher als "Weltfrieden"
und ob das jetzige Album erfolgreicher sein wird als "Sternenstaub",
das wird die Zukunft zeigen.
Uns ist das in gewisser Hinsicht egal. Die Studioarbeiten sind fast abgeschlossen
und von jetzt an entscheidet der Zuhörer, ob er Gefallen an diesem Album findet.
Wir hatten viel Spaß während der Arbeiten an diesem Album und eine schöne Zeit.
Auch wenn es platt klingt: "Der Weg ist das Ziel" und wir haben einen wirklich
sehr interessanten und auch lustigen Spaziergang hinter uns.
Wieviele Songs umfasst die Arbeit an dem neuen Album und in welchem Stadium
befinden sich die Stücke zum jetzigen Zeitpunkt?
Zum ersten Teil der Frage: einige :-)
Und zum zweiten Teil: Es befindet sich ziemlich weit im Endstadium. Es bekommt
gerade seinen so genannten Feinschliff. Es muss noch gemastert werden und ein
paar Kleinigkeiten sind noch nicht ganz ausgereift. Aber das bekommen wir schon
hin. :-)
Wie zu lesen war, hat sich Andy auf nach Südamerika begeben um Inspiration
für das neue Album zu bekommen. Gab es Orte oder Plätze, wo du dich zurückgezogen
hast um neue Ideen für die Texte zu sammeln?
Ich zieh mich eigentlich ungern zurück. Wenn ich für mich allein sein will,
setz ich mich auf mein Bike und fahr ein wenig durch den Wald und die Natur.
Neubrandenburg ist in diesem Punkt herrlich. Es gibt viele Seen und stille Flecken
Erde, die noch kein Touri - Fuss betreten hat. An solchen Plätzen denke ich
gern über kommende Dinge nach. Ansonsten zieh ich mich in Kneipen und Bars zurück.
:-)
Was war/ist euch beim neuen Album besonders wichtig? Wird es gravierende
Veränderungen bzw. neue musikalische Einflüsse geben?
Wie schon oben erwähnt. Wir haben den Druck, den man von außen bekommt, gar
nicht zugelassen. Das Album sollte fertig sein, wenn wir es für fertig halten
und nicht, wenn man uns sagt, dass der Veröffentlichungstermin naht.
Du arbeitest dadurch wesentlich entspannter. Wir haben einige Stücke produziert,
dann liegen gelassen und nach einer Weile angehört und noch mal produziert.
Das kannst du nur machen, wenn du frei von irgendwelchen Zwängen bist und im
Kopf nur in dem Stück steckst.
Wenn du mit gravierenden Veränderungen meinst, ob wir jetzt auch in die Gitarrenfraktion
eingestiegen sind, muss ich dir eine Absage erteilen. Wir waren noch nie so
elektronisch unterwegs wie auf diesem Album. Das ganze Werk ist kompromissloser
als seine Vorgänger und dadurch rauer und sanfter zugleich. Es ist ein typisch
untypisches Melotron Album.
Kannst du schon einen textlichen Abriss über das neue Album geben? Welche Themen
werden besungen?
Thematisch befasst sich das Album mit der ganzen Spannbreite von Kurzlebigkeit
biologisch wertfreier Kreaturen im Schatten des Bewegungsablaufs eines Erdtrabanten.
:-)
Kann man nach vier Alben, mit ausschließlich deutschen Texten, dieser Linie
treu bleiben oder gibt es doch überlegungen, wie es zu Zeiten von The Vermin
der Fall war, auch englische Texte bei Melotron einzustreuen? Oder besteht in
dieser Richtung überhaupt kein Interesse?
Wir, die Herren von Melotron, haben keinerlei Interesse, englischsprachige Songs
zu machen. Unsere überlegungen laufen ab und zu dahin, andere Sprachen zu nutzen
wie vielleicht die Russische, Schwedische, Spanische oder andere. Aber Englisch
überlassen wir den Leuten, die diese Sprache seit Jahren nutzen und darin mehr
Erfahrung und Routine haben als wir.
"Halt mich fest", einen eurer neuen Songs, habt ihr vor einiger Zeit in Rom
live vorgestellt. Ist es nicht merkwürdig, dies in einem Land zu machen, wo
das Publikum zum größten Teil nicht versteht was man eigentlich singt? Und ich
denke die Texte sind ein großer Bestandteil eurer Songs.
Ja schon. Aber auf der anderen Seite kannst du so die Wirkung von Musik umso
besser feststellen. Wenn der Zuhörer den Text nicht versteht, wird er sich automatisch
mehr auf die Musik konzentrieren und sich nicht so sehr vom Text ablenken lassen.
Die Römer fanden den Song klasse und dies gilt in so einem Fall dann vor allem
der Musik.
Kannst du das neue Album schon mit wenigen Worten beschreiben?
Mit einem: Fantastisch!
Eine der wichtigsten Fragen überhaupt: Für wann ist eine Veröffentlichung
ins Auge gefasst?
Der Termin für die Vö ist der 27.06.2005. Ein wenig Zeit ist also noch…
Gibt es schon einen Namen für das Album?
Ja… :-)
Inwieweit macht ihr euch Gedanken über die Form der Veröffentlichung. Aus dem
Muster - Single, Album, Tour - auszubrechen ist schwierig. Sich in der Veröffentlichungsflut
zu behaupten ist heutzutage sicher auch ein kleines Kunstwerk. Gibt es überlegungen
etwas anders zu machen, die Veröffentlichung den Kunden noch attraktiver zu
präsentieren?
Die Melotron - Vö - Kampagne ist noch Verschlusssache von Seitens der Plattenfirma.
Heißt, wir wissen zwar schon Bescheid, es wurde aber Stillschweigen vereinbart.
Aber da kommt noch was…
Wie geht ihr eigentlich damit um, dass Neuroticfish jetzt auch ein Album
ganz in gelb veröffentlichen? Ist so etwas als schwarze Band überhaupt vertretbar?
(Frage bitte nicht zu ernst nehmen ;-))
… klar … und ein bisschen gelber geht der Kaspar selber… (Antwort nicht allzu
ernst nehmen)
Vielen Dank für das Interview und die Zeit, Edgar!
Es war mir wieder mal :-) ein Vergnügen
Interview: Thomas Tröger & Melotron [Edgar Slatnow]
Februar 2005
Melotron:
Andy Krüger
Edgar Slatnow
Kay Hildebrand
Internet: www.melotron.de