"Alvarez Presents: Zeitmaschine" heißt eine neue CD bei Universal Music, auf der sich neben zehn Musiktiteln auch sieben von Ben Becker vorgetragene Gedichte befinden. "Dem Schmerz sein Recht" oder "Komm holder Schnee" heißen diese und befinden sich zwischen Remixen besonderer Titel. "Return" von Deine Lakaien ist genauso vertreten wie "Suspicious Love" von Camouflage, "Heart Shaped Tumor" von De/Vision oder "Liebe ist alles" von Rosenstolz.
Im Begleitschreiben zur Scheibe steht für die Medienvertreter an sich alles Wissenswerte. Warum er die Titel in einem modernen Gewand und remixed teilweise außergewöhnlich präsentiert sowie lyrisch schmückt. Eben in einer Zeitmaschine Platz nahm. Wir aber wollten nochmals genauer beim Produzenten José Alvarez-Brill, kurz: JAB nachfragen, wie die Auswahl der Titel zustande kam, warum gerade Ben Becker spricht und überhaupt: José Alvarez-Brill ist doch ohnehin auch abseits dieser CD ein Interview Wert. Er ist übrigens jeden Mittwoch bei "Stern TV" auf RTL zu hören….
Ich habe die Fragen mal in zwei Blöcke geteilt: Einerseits zum "Zeitmaschine"-Album, andererseits zu generellen Themen. Fangen wir mit der CD an.
Gerne!
Bei den zehn Musiktiteln der CD – sind das alles Lieblingsbands und Künstler? Oder wie kam die Auswahl zustande?
MIT meine Lieblingsband, würde ich sagen. Sie decken ein großes Spektrum von dem ab, was ich mag und von den Künstlern, mit denen ich schon mal zusammen gearbeitet habe.
Warum – um nun anhand einiger Beispiele konkret nachzufragen – befindet sich Alphavilles "Forever Young" darauf?
Da hab ich gedacht, der muss es sein. Weil´s halt ein Titel ist, der wunderbar als Opener passt, der schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat und es mich einfach interessiert hat, wie so ein Klassiker mit diesem zeitlosen Text heute klingen sollte.
Und warum gerade "A New Starsystem" von Wolfsheim? Ist ja nicht gerade DER Top-Titel der Band gewesen…
Weil es auf alle Fälle ein deutschsprachiger Song sein sollte, was die Auswahl schon mal einschränkte. Wobei ich den sogar schon mal auf einer Maxi remixed hatte.
Warum - Teil 3 – ein Song von Camouflage, die du meines Wissens nach zuvor nie produziert hattest?
Aber ich schätze sie sehr. Und es wäre vor langer Zeit beinahe Mal zu einer Zusammenarbeit gekommen. "Suspicious Love" haben wir ausgesucht, weil ich keinen der Hits nehmen wollte. Die wurden bereits zu Dutzenden remixed…
Wenn auf der CD noch ein bisschen mehr Platz gewesen wäre: Welche Bands und Künstler wären die nächsten gewesen, die Du gerne aufgenommen hättest?
An sich fehlt ja "Die Flut", aber den Titel habe ich ja damals schon selbst produziert. "Sonne" vom Rammstein fehlt, den hätte ich gerne gehabt. Und irgendwas von Schiller. Aus Termingründen hat das diesmal beides nicht geklappt.
Die Band Care Company kennt vielleicht auch nicht ein jeder…
Das war mal ein Projekt von Markus Reinhardt von Wolfsheim, Carsten Klatte und mir bei Motor Music. Sehr hörenswert, wie ich finde.
Drei ganz neue Titel sind ja auch auf der CD. Erzähl mal was darüber.
"Das Meer und ich" von Bernstein ist der erste veröffentlichte Song einer neuen Band aus dem Frankfurter Raum. Das sind drei Jungs, zwei Keyboarder und ein Sänger, die deutsche Titel schreiben. Liegt irgendwo musikalisch zwischen Wolfsheim, Grönemeyer und Xavier Naidoo – auch wenn ich solche Vergleiche an sich nicht mag.
Was ist mit Carlsson und dem neuen Titel zusammen mit Heppner?
"Vielleicht?" mit Peters Stimme ist ein ganz neuer Song, den wir zusammen gemacht haben. Er erscheint auch nur auf dieser CD. Und Carlsson handelt es sich um einen Musiker aus Bremen. Auch das ist ein neuer Titel. Man kann solche Produktionen wie "Alvarez Presents: Zeitmaschine" ja auch gut für die Präsentation neuer Acts nutzen…
Vor allem Carlsson klingt richtig hitverdächtig….
Ich hoffe, von ihm gibt es bald schon viel mehr zu hören. Derzeit suche ich noch nach einem Label für ihn.
Wie ausgeprägt ist bei so einer CD der kommerzielle Gedanke?
Eher der künstlerische Aspekt steht im Vordergrund. Es freut mich, dass mir die Plattenfirma die Möglichkeit dazu gegeben hat.
Ungewohnt für Fans dieser Art von an sich populärer Electropop-Musik sind die sieben Gedichte. Warum liest sie gerade Ben Becker?
Wegen der ausdrucksstarken Stimme. An sich dachten wir auch über Mario Adorf nach. Aber Ben Becker strahlt auch etwas Wildes, etwas Jugendhaftes aus.
Wie muss man sich da den Kontakt vorstellen? Bist Du zu ihm hin und hast gesagt: Ich bin der José, willst Du zwischen zehn Poptiteln Gedichte sprechen?
Das lief über die Plattenfirma und sein Management. Er rief gleich nach der Anfrage zurück und fand die Titelauswahl gut. Ben hört musikalisch viel in der Richtung.
Könntest du dir vorstellen, eine ganze CD nur mit lyrischen Gedichten zu machen?
Nicht unbedingt, weil das zu weit weg ist von der Musik. Andenken könnte man das aber schon mal, wenn ich die Frage jetzt so höre. Wobei es sicher sehr zeitaufwändig wäre. Jetzt bin ich erst einmal froh, dass diese CD fertig ist.
Nun zu dir generell: Was hast du denn vor der "Zeitmaschine"-CD produziert? Und was steht gegenwärtig an? Welche Projekte gibt es in Zukunft?
Momentan bin ich ganz schwer am Arbeiten an dem ersten Bernstein-Album, das auch bei Universal erscheinen wird. Die Jungs begeistern mich schwer. Ungewöhnlich ist, dass deren Remix nun vor der ersten regulären Veröffentlichung auf den Markt kam.
Zuletzt habe ich das Album "India" von Xandria produziert, das letzten Sommer auf den Markt kam. Nach Bernstein werde ich was mit Rosenstolz machen, die ja mit "Liebe ist alles" auch auf der "Zeitmaschine"-CD sind. Dann muss ich mal schauen, ob Peter Heppner etwas machen möchte. Zwei, drei neue Projekte, über die ich noch nichts sagen kann, stehen auch an. Und wie ja vielleicht schon bekannt wurde, so arbeite ich künftig mit L'image aus Augsburg zusammen.
Wenn du Wünsche frei hast: Welche Band darf sich sofort melden? Mit wem würdest du gerne mal was machen?
Auf Rammstein hätte ich große Lust, und natürlich mag ich auch Depeche Mode gerne. Wobei ich für die schon mal einen Remix gemacht habe. Allerdings nur für einen Fan-Sampler. Das war ein Titel aus dem vorletzten Album.
Wolfsheim, Heppner, De/Vision – das sind die Bands, die man spontan mit dir in Verbindung bringt. Was dagegen, wenn ich mal nach den nicht ganz so populären frage?
Nur zu!
Du hast mehrere CDs von Beborn Beton produziert.
Ja, das waren alte Zeiten. Jetzt haben sich die Jungs selbst ein Studio eingerichtet. Neulich aber hat Sänger Stefan Netschio angerufen und angefragt wegen der gerade entstehenden neuen CD von Beborn Beton. Es kann also durchaus mal wieder zu einer Zusammenarbeit kommen.
Für Neuroticfish hast du vor gar nicht allzu langer Zeit was gemacht.
Ja, einen Titel. Weil mein Keyboarder Henning Verlage ein Teil seines Projektes ist. Übrigens: Henning hat auch an einigen Titeln der Zeitmaschine mitgearbeitet.
Dann gab´s da mal die Forbidden Colours….
Ja, eine Band aus Oldenburg. Eine einmalige Sache. Die Band ist meines Wissens nach längst wieder auseinander.
Oder Zoon Politicon….
Gibt´s auch nicht mehr, soweit ich weiß…
Und dann waren da auch noch Secret Hope, eine Band, die bei der Aufzählung all deiner Tätigkeiten auf deiner Internetseite gar nicht erwähnt ist.
Jetzt kramst Du aber die Leichen aus dem Keller heraus! Ja, das war ein Ost-Projekt von damals, bei dem ich an sich gedacht hatte, dass da noch mehr kommt.
Gibt es denn Zusammenarbeiten, die Du zum heutigen Stand bereust?
Bereuen tut man gar nicht, egal wer die Bands waren und was daraus geworden ist. Weil eine jede Tätigkeit Spaß gemacht hat.
In deiner Biographie wird an alte Zeiten und Zusammenarbeiten mit Bonnie Bianco und den Bad Boys Blue erinnert…
Für die habe ich mal erfolgreiche Remixe gemacht. Aber das ist mega, mega lange her….
Ebenso die Zeiten des Videos der Woche bei „Formel 1“ in den 80-ern. Wofür seid ihr da ausgezeichnet worden?
Das Video ist mit meiner damaligen Band XY entstanden. Wir haben da Peter Thomas Raumpatrouille "Orion" gemacht . Ist heute immer noch ein geiler Clip .
Aber an die größte Erfolge erinnerst du dich sicherlich lieber. Als da wären?
Naja, "Die Flut" von Witt und Heppner ging bis auf Rang zwei der Top-10, "Once in a Lifetime" von Wolfsheim war, glaube ich, auf Platz zwölf. Der allergrößte Erfolg aber dürfte die Titelmelodie von "Stern TV" auf RTL sein, die schon seit rund 15 Jahren läuft und die von mir ist.
Bei Günter Jauch warst Du vor einigen Jahren auch mal als Studiogast und hast den Produzentenraum ausnahmsweise einmal verlassen. Wie kam es denn dazu?
Die suchten damals jemanden zum Thema Technik und Tricks im Studio, wie man hinterher einen Titel aufmotzen kann. Da haben sie anscheinend sofort an mich und meine Erkennungsmelodie der Sendung gedacht…
José Alvarez-Brill, bald 43 Jahre ist, ist wegen seines Vaters Halb-Spanier, wurde in Kassel geboren, studierte zunächst Medizin und Informatik, danach Betriebswirtschaft bis zum Abschluss, zog nach Aachen, spielte früher in Bands, sang sogar, wechselte aber frühzeitig auf die „Recording“-Seite als Produzent und lebt heute in Belgien . Seine Studios sind bekannt unter dem Namen Pleasurepark Studios.
Interview: Michael Horling & José Alvarez-Brill
Januar 2006
Internet: www.alvarez-zeitmaschine.de