Hubert Kah   
Nach langen Jahren abseits der Bildfläche erschien am 30. Mai mit "Seelentaucher" eine neue CD von Hubert KaH. Rund 600.000 Exemplare verkauften er und seine Band einst von "Sternenhimmel", dem größten Hit. Alben wie "Meine Höhepunkte", "Ich komme", "Goldene Zeiten", "Tensongs", "Sound of my heart", "Hubert KaH" und eine Best of folgten, dazu Songs, die KaH für Sandra, Juliane Werding oder die Münchner Freiheit schrieb, ehe es um den heute 43-Jährigen Reutlinger, der mittlerweile mit seiner zweiten Frau in Mannheim lebt, ruhiger wurde. Bis eben jetzt zu "Seelentaucher", dem ersten Studioalbum seit zehn Jahren. Wir unterhielten uns mit Hubert Kemmler über das Zeitgefühl, über Selbstverleugnung, Schubladen und über den Grand Prix.


Warum hat es so lange gedauert, bis du wieder ein neues Album aufgenommen hast?

Das kann man so genau nicht begründen. Es hat mir nie an dem Antrieb gefehlt, neue Lieder zu schreiben. Nur daran, mit diesen eigenen Songs in die Produktion zu gehen, sich zu zeigen. Es hat einfach nicht gepasst. Doch im Laufe der Zeit kam dieser Wille wieder. Man kann in diesem Zusammenhang ganz gut von einer "Zeitqualität" sprechen.

Das heißt, von Hubert KaH wird man künftig wieder mehr hören?

Ich habe in der Zeit immer Lieder geschrieben, für mich und für die Schublade, habe also einige Songs in petto. Verstopft war nur mein Kanal nach außen. Es gibt ganz viele Lieder, die ich im Hintergrund bereit habe. Nach und nach würde ich sie gerne wieder zügiger veröffentlichen.

Kann man sagen, dass die NDW-Sachen Anfang der 80er die eine Seite von Hubert KaH war, bereits mit "Tensongs" Mitte der 80er aber der Wechsel zum anspruchsvollen Pop begann?

Von einem Wendepunkt möchte ich da nicht reden. Das war alles eine ganz natürliche Entwicklung, mit der Zeit komplexer und vielschichtiger zu werden. Wobei schon vor "Tensongs" auf "Goldene Zeiten" einige Sachen drauf waren, die man anfangs von uns nicht kannte. Aber über "Tensongs" haben erstmals auch die so genannten "ernsten Musikmedien" berichtet, das stimmt schon.

"Seelentaucher" hat zehn Deutsch gesungene Titel. Was entgegnest du denen, die deshalb ein Album wie zur Zeit der Neuen Deutschen Welle erwarten?

Ich sehe das absolut gelassen, bin mit dem Etikett einverstanden, das mir die Leute geben wollen. Ich habe mir abgewöhnt, um ein anderes zu kämpfen. Außerdem hat "Seelentaucher" doch auch einen NDW-Touch…

Inwiefern?

Teilweise sind die Stücke doch ziemlich frech. Songs wie "Raketen" oder "Fels in der Brandung" zum Beispiel. Und bizarre Texte bedeuten für viele Leute halt gleich wieder NDW. Der abgedrehte Hubert KaH… Aber Hauptsache, man hat irgendein Image.

Warum die Idee, drei alte Titel aus den 80ern für "Seelentaucher" neu aufzunehmen?


Wenn der Mond die Sonne berührt" wollte ich schon immer in einer direkteren, akustischen unplugged-Version machen. Julia von der Band "Knutschfleck" singt da mit mir. "Military Drums" sollte endlich mal tanzbar und clubmäßig sein, so wie ich mir das damals schon beim Komponieren gedacht habe. Und "Lass mich träumen" finde ich in der alten Version einfach nicht gut produziert.

"Wenn der Mond…" und "Lass mich träumen" sind ja Titel, den du in Zusammenarbeit mit Markus Löhr und Klaus Hirschburger geschrieben hast. Die alte Zusammensetzung also. War Hubert KaH über die Jahre denn immer eine Band oder auch mal ein Soloprojekt des Hubert Kemmler?

Bis zu "Sound of my heart" 1989 war es eine Band, danach nicht mehr. Wobei ich mit Markus Löhr noch immer befreundet bin und wir uns musikalisch gut verstehen. Mit Klaus Hirschburger besteht kein Kontakt mehr.

Wie würdest du "Seelentaucher" weiter beschreiben wollen?

Der Name sagt es ja: eingetaucht in die Seele. Musikalisch ausgedrückt zeigt das Album verschiedene, vielschichtige Ebenen von mir, Stimmungen und Emotionen.

Kann man sagen, dass "No Rain" und "Psycho Radio", die beiden ersten Titel, sowie "Die Erinnerung" ganz am Ende die verschiedenen Facetten von "Seelentaucher" am beste wieder geben?

Wobei dann noch die abgedrehteren Sachen wie eben "Raketen" oder "Fels in der Brandung" fehlen.

Oder "Alles klingt", wo der Text auszugsweise lautet: "Warum scheißt du dir dann immer in die Hos´"…

Als Künstler habe ich Narrenfreiheit. Ich kann machen, was ich will. Ich muss mir keine großen Gedanken machen. Ich mach´s einfach, wenn mir danach ist.

"Raketen" ist wirklich ein schräger Titel. Wie würdest du die Stilrichtung dieses Songs beschreiben?

Das ist modern produzierter Schwermetal, Heavyrock.

Aha…"Chamäleon der deutschen Popmusik" nennt dich deine Promotionabteilung also nicht zu Unrecht. "Ein oft seine Überzeugung wechselnder Mensch" ist das laut Duden aber auch. Bist Du noch von den Sachen überzeugt, die vor 1990 entstanden sind?

Das war eben eine andere Zeit. Chamäleon soll viel mehr die Vielschichtigkeit, die vielen verschiedenen Farben ausdrücken. "Seelentaucher" beinhaltet eben viele verschiedene Facetten und Stimmungen von mir.

Rückblickend zur "Sternenhimmel"-Zeit und Auftritten im Nachthemd bei Dieter Thomas Heck: war das eine Phase, wo du heute sagst: Wie konnte denn das passieren?

So ist das nicht. Man muss es unter einem ganz bestimmten Zeitgefühl sehen. Das war ja damals eine Provokation auf mehreren Ebenen, auch eine gegen den deutschen Schlager von früher.

Gab es in all den Jahren mal Überlegungen, den Namen Hubert KaH zu opfern, um eben diese ständigen Erinnerungen an den Fun-Pop zu vermeiden?

Nein, da bin ich ganz sentimental. Das kommt gar nicht in die Tüte. Trotz der Schubladen, in die man mich vielleicht steckt. Ich bin der, der ich bin, stehe auch zu meiner Vergangenheit. Alles andere wäre die größte Selbstverleugnung.

Gibt es Pläne, die "Seelentaucher"-Songs live auf die Bühne zu bringen?

Ganz konkrete sogar. Ich stelle gerade eine Band zusammen und denke, dass wir im Winter eine Tour machen werden.

Aber ist das für dich definitiv ausgeschlossen, zu "Rosemarie" noch mal auf der Bühne herumzuturnen?

Eigentlich schon, weil das ja keine Weiterentwicklung wäre. Um mich davon mal zu überzeugen, müsste ich schon ganz viel Schulden haben (lacht)

Gibt es aber alte Titel, die du bei einem Live-Konzert heute definitiv nicht mehr spielen würdest?

Nein, weil ich zu diesen alten Zeiten immer noch einen sehr guten Bezug habe. Die sind ein Teil von mir. Und es reizt sogar immer, die alten Sachen zu spielen. Es wäre doch albern, "Sternenhimmel" wegzulassen, wenn es die Leute hören wollen. Nur gibt es den Song halt wahrscheinlich in einer überarbeiteten Version.

Zurück zur neuen CD: Wie kam es denn auf "Seelentaucher" zu der Zusammenarbeit mit Warp 8, mit Blank & Jones und der ja eben erst ins Rampenlicht rückenden Band "Wunder"?

Warp 8 sind Dance-Produzenten, die viel für Witt gemacht haben. So wurde ich auf sie aufmerksam. Blank & Jones suchten einst einen Gastsänger für ihr Album - und so kamen wir zusammen. Bei "Wunder" ist es so, dass die Band auf ihrem Album "Wenn der Mond…" gecovert haben. So lernten wir uns kennen.

Die 14 Songs stammen von verschiedenen Autorenteams, keinen Titel hast Du selbst alleine geschrieben und produziert. Wie wichtig ist dir diese Vielfalt auf dem neuen Album?

Die Stücke haben so alle unterschiedliche Gesichter, obwohl ich an allen beteiligt bin.

Was erwartet man als reifer Künstler mit dem ersten Album seit zehn Jahren - noch dazu mit neuem Label? Kommerziellen Erfolg? Oder reicht die Genugtuung, musikalisch in Fachkreisen anerkannt zu sein?

Der Wunsch nach Erfolg ist natürlich da. Aber ob man ihn auch erwarten kann? Ich weiß es nicht! Klasse wäre das schon, wenn die Singleauskopplung "Psycho Radio" ein Renner wird. "No Rain" war ja schon der erste Einstieg für die Medien. Allerdings nur um zu zeigen: Ich bin jetzt wieder da!

Steckte Anfang der 80er Jahre schon der Gedanke in deinem Kopf, anspruchsvolle Musik zu machen?

Nein, gar nicht. Weil: Musik ist immer ein Ausdruck von dem, was in dir drin steckt. Das war damals schon so. Es kam so einfach raus und war dann da.

Wer sind denn deine spirituellen Begleiter Ferdinand und Antonio aus Brasilien?

Mit ihnen besteht eine innige Verbindung, seit ich mir mal in Brasilien eine Auszeit genommen habe. Sie waren dort meine Begleiter beim Eintauchen in neue Ebenen. Ich interessiere mich sehr für Welten, die nicht unbedingt greifbar und sichtbar sind.

Wenn Dich jemand fragen würde, ob Du 2006 mitmacht bei der deutschen Endausscheidung zum Eurovisions Grand Prix…

… dann fände ich das eine spannende Geschichte. Warum nicht?



Interview: Michael Horling & Hubert KaH
Juni 2005


Internet: www.hubert-kah.com