Was haben Stepan Groth (Apoptygma Berzerk) und Pornodarstellerin Jenna Jameson
gemeinsam? Beide haben zwar wirklich weniger miteinander gemein, waren sie aber
beide an der Arbeit zum neuen Album von FAQ involviert. Die Schweizer präsentieren
unter neuem Namen bereits das zweite Album und nach zwei jähriger Abstinenz
hat sich auch innerhalb der Band einiges verändert. Dazu aber mehr im Interview.
Mein
letztes Zusammentreffen mit FAQ war die Tour im Vorprogramm von De/Vision. Kurz
zuvor hat Dino die Band verlassen und ihr wart gezwungen als Duo die Auftritte
zu absolvieren. Erzählt doch bitte wie es für euch danach weiterging. Dino ein,
im musikalischen Sinne, sehr wichtiger Bestandteil der Band war weg und Pille,
euer jetziger Gitarrist kam später hinzu...
Phil: Nach genannter Tour war klar, dass wir die Band ausbauen werden, da
wir nicht als Duo (Mary und ich haben die De/Vision Tour zu zweit bestritten)
weitermachen wollten. Bereits während der Tour habe ich Pille (per SMS) gefragt
, ob er zukünftig dabei sein will und ihn "eingestellt". Im Herbst 2003 habe
ich Thomas Daverio, Kopf der Band "Kartagon" und langjähriger Freund, angefragt,
ob er das nächste FAQ Album produzieren möchte. Bald einmal war klar, dass die
Zusammenarbeit perfekt funktioniert und so wurde Thomas vom Produzent zum festen
Bestandteil der Band. Das aktuelle Album "Is Pornography Art?" haben Thomas
und ich schlussendlich zusammen produziert.
Gab es danach eine Pause, in der man erst mal wieder nach einem kreativen Schub
suchen musste. Oder habt ihr euch nach "Carpe Diem" gleich wieder an das Produzieren
neuer Songs setzen können?
Phil: Durch den Einstieg von Pille und Thomas Daverio mussten wir nicht
groß nach "kreativem Schub" suchen, da es sich quasi um eine neue Band handelte,
alle waren motiviert, so rasch als möglich neue Songs zu schreiben. Nachdem
der erste Song "The World is cold enough" geschrieben war, entstand der Rest
des Albums wie von selbst. Auch wenn's trotzdem fast noch ein Jahr dauerte bis
zur Fertigstellung der Platte.
Mitte
Mai wird das nun mittlerweile vierte Album, seinen Weg in die Plattenläden finden.
Wie kann man das Gefühl beschreiben, ein endlich fertiges und neues Werk einem
größeren Publikum vorzustellen?
Phil: Es entschädigt für die vielen, vielen Stunden Arbeit, die vielen,
vielen übernächtigten Abende im Studio, die ungesunde Ernährung, zuviel Konsum
schädlicher Stoffe, das Verlieren von Freunden, Bekannten und Verwandten, die
einem nie mehr zu Gesicht kriegen und den immensen Aufwand, den es erfordert,
um eine Platte zu schreiben, aufzunehmen, zu produzieren und zu veröffentlichen...ok,
war jetzt sehr dramatisch aber tatsächlich verhält es sich so ähnlich!
Bevor der Hörer überhaupt einen Ton von dem neuen Album wahrnimmt, wird er gezwungen
sich mit der Frage "Is Pornography Art?" auseinanderzusetzen, direkt oder indirekt.
Stand über dem Album schon von vornherein ein übergeordnetes Konzept, bevor
die Zusammenarbeit mit Jenna Jameson überhaupt zustande kam? Ja, seht ihr das
Album überhaupt als ein konzeptionelles Werk in der sich der Zuhörer jene Frage
stellen muss?
Phil: Die Frage "Is Pornography Art?" war der zentrale Ausgangspunkt der
Platte. Damals wussten wir noch nichts von der Zusammenarbeit mit DER "Queen
of Porn", mir war aber damals schon klar, dass nur ein Mensch in Frage kommt,
dieser Platte das richtige Gesicht zu verleihen: Jenna Jameson! (Zum Glück klappte
es!) - Ein Konzept existiert nur von einem gewissen Standpunkt aus. Es ging
nicht darum, dass jeder Song von Porno und Sex handeln soll. Pornographie steht
im Zusammenhang mit dieser Platte für Entblößung, sich nackt aussetzen, sich
einem Publikum zur Schau stellen und für das exzessive Ausleben von Lust, Liebe,
Leidenschaft aber auch Schmerz, Gewalt und Leid. Außerdem steht der Albumtitel
für die allgemeine Frage, was ist Kunst? Was darf als solche bezeichnet werden
und was nicht? All diese Punkte veranlassten mich zu diesem Titel und sind in
den Songs wiederzufinden. So gesehen, existiert tatsächlich ein Konzept hinter
diesem Album.
Wie kann man sich die Arbeit mit Jenna Jameson vorstellen, welche neben der
Musik auch im Artwork wiederzufinden ist? Habt ihr sie auch persönlich kennenlernen
dürfen?
Phil: Ich stehe seit längerer Zeit im Kontakt mit Jenna. Ich habe ihr von
meiner Idee erzählt und sie war sofort begeistert davon. Da Jenna seit Jahren
bemüht ist, "Pornographie" salon-fähig zu machen und diesem Genre das Prädikat
"Kunst" zu verleihen, was es zweifellos verdient, musste ich sie gar nicht erst
dazu überreden mitzumachen. Ihr gefiel, wie ich mit dem Thema Pornographie umging:
3- und nich 2- oder gar ein-dimensional. Fortan habe ich das Konzept mit ihr
besprochen und entworfen. Dass sie auch musikalisch vertreten ist, entstand
zufällig, war aber für mich schlussendlich eine logische Folge bzw. das "Ausrufezeichen"
dieser Zusammenarbeit.
Das
neue Album strotzt nur so von Kollaborationen. Stimmliche Unterstützung gab
es auch von Apoptygma Berzerk Frontmann Stephan Groth. War es, nachdem ihr vor
ein paar Jahren im Vorprogramm der Band auftreten durftet, nur eine Frage der
Zeit mal etwas zusammen zu machen oder bedarf es doch einiger überredungskünste?
Phil: Den Text zu "We come in pieces" habe ich umgehend nach der Tour, also
vor über 4 Jahren geschrieben. Er enthält unheimlich viele persönliche Aspekte,
welche wir zusammen auf der Tour erlebt haben. Folglich wollte ich diesen Song
unbedingt mit Stephan zusammen machen. Wir sind uns im Laufe dieser Europa-Tour
sehr nahe gekommen und sind seither gute Freunde. Es bedarf also wenig überredungskünste,
im Gegenteil, der Song "verewigt" sozusagen das gemeinsam er- und durchlebte.
Nicht zuletzt deshalb, gehört dieser Track zu meinen ganz persönlichen Favourites
auf dem Album.
Den größten Einfluss und die wichtigste Zusammenarbeit ist aber sicherlich die
von Kartagon Mitglied Thomas Daverio, welcher auf eurem neuen Album den Produzenten-Part
übernimmt. Wie lässt sich das Gefühl beschreiben, wenn man seine Songs jemanden
anderen anvertraut? Denn die Alben zuvor sind alle ohne Produzenten entstanden.
Ein wichtiger Schritt für euch?
Phil: Wie vorher erwähnt, mutierte Thomas vom Produzenten zum festen Bandmitglied.
Da ich ihn seit nunmehr 14 Jahre kenne, habe ich also die Songs nicht irgend
jemandem anvertraut, sondern sie mit einem guten, langjährigen Freund zusammen
geschrieben und entstehen lassen. Von einer klassischen Band vs. Produzent-Platte
kann also keine Rede sein.
Könntet ihr bitte etwas zum Arbeitsprozess von "Is Pornography Art?" erzählen?
Wo sind die Vorproduktionen entstanden, wo habt ihr aufgenommen und welchen
Stellenwert kann man Thomas Daverio letztendlich zuschreiben? Da er sich auch
auf den Bandfotos zeigt, hat er sicherlich Eindruck hinterlassen!? ;-)
Phil: Er hat soviel Eindruck hinterlassen, dass er zum festen Bandmitglied
wurde! :-) Die Songs entstanden entsprechend hauptsächlich in seinem Studio,
in der Nähe von Basel. Thomas ist verantwortlich für die musikalische/technische
Umsetzung und ich für die inhaltliche, melodiöse und lyrische. Pille's Gitarre
wurde entsprechend, teils in Basel, teils in Bern aufgenommen. Gemixt wurde
ebenfalls in der Schweiz. Außer dem Mastering, welches in Hamburg gemacht wurde,
handelt es sich also (fast) um ein reines Schweizer Produkt ;-)
Wer
von euch tritt zuerst mit neuen Ideen für Songs heran? Entsteht die Musik dabei
erst mal losgelöst von einem Text oder sind da auch schon erste Textfragmente
beim arrangieren im Kopf?
Phil: Ist ganz unterschiedlich. Ich bin persönlich bin ein visueller Mensch,
d.h. ich habe grundsätzlich Bilder im Kopf und schriebe diese in Form eines
Textes nieder. Mir ist es wichtig, diese Worte so zu vertonen, dass die Musik
die Stimmung des Textes wiedergibt. Bei Thomas ist es genau umgekehrt, deswegen
ist er wohl Komponist und ich Sänger...
Was war euch für das neue Album besonders wichtig? Gab es Dinge die ihr grundlegend
verändern wolltet?
Phil: Die ganze vorgehensweiße war anders als bisher. Es war uns sehr wichtig,
eine vielschichtige Platte zu schaffen, die nicht langweilt und die Vielseitigkeit
der Band zeigt. Entsprechend sind auf dem Album von melancholischen Klavier-Midtempo-Songs
bis "Underworld"-like Electro Songs zu finden. Besonders wichtig war uns die
totale Freiheit, d.h. Songs zu schreiben, wie wir sie schreiben wollten, losgelöst
von Gedanken wie: was ist Tanzflächen/Club-tauglich und was nicht. Das heißt
nicht, dass wir es nicht mögen, wenn ein FAQ Song im Club läuft, sehr viele
Bands machen sich heute aber zuviele Gedanken darüber, was sich schlussendlich
auf das Songwriting auswirkt und den kreativen Prozess hemmt. Das Album ist
also so gesehen "natürlich" entstanden.
Welche Unterschiede seht ihr selbst zum vorangegangenen Album?
Phil: Der Größte Unterschied ist, dass es sich diesmal, vom Entstehungsprozess
bis zum fertigen Produkt um eine harmonische Platte handelt, die sich so anhört,
wie wir das geplant haben. Außerdem ist der Fortschritt, den FAQ (oder früher
Carpe Diem) gemacht hat, deutlich hörbar.
Journalisten pressen einem immer schnell in ein Format, wo man sich selbst eigentlich
gar nicht so "zuhause" fühlt. Wie würdet ihr selbst eure Musik umschreiben?
Phil: Ich selber bin kein Freund von Stil-Bezeichnungen, verstehe aber,
dass sie in einer gewissen Weise notwendig sind, so ist wohl die Bezeichnung
Progressive-Electronic-Pop am zutreffensten und lässt viel Spielraum, wie z.b.
auch, dass mal ein akustisches Instrument vorkommen darf, ohne dass der Hörer
schockiert ist und sich verraten/betrogen fühlt.
Ein
wichtiger Einfluss für jeden Künstler stellt wohl immer noch das Schaffen anderer
Musiker/Bands dar. Wer hat euch dahingehen sehr beeinflusst und was hört ihr
privat für Musik?
Phil: Einflüsse gibt es natürlich viele. Die Palette ist riesengroß, da
nicht nur andere Musiker, sondern Kunst im allgemeinen oder gar das Leben selbst,
immer noch den größten Einfluss hat. Ich persönliche bin seit meiner frühesten
Jugend ein großer The Cure Fan. In den letzten Jahren haben mich Bands/Künstler
wie Radiohead, 16 Horsepower, Moby und Underworld sehr geprägt. Der Größte persönliche
Einfluss der letzten Jahre hatte wohl aber nicht eine Band, sondern ein Filmemacher:
David Lynch.
Im Mai steht auch der Festival-Auftritt auf dem WGT an. Mit welchem Gefühl geht
ihr an den Auftritt heran? Gibt es in diesem Jahr weitere Auftritte in dieser
Form? Schaut man sich auch selbst Auftritte anderer Bands an?
Phil: Der Auftritt am WGT ist dieses Jahr etwas besonderes, da am selben
Tag offizieller Release unseres Albums "Is Pornography Art?" ist. Ob wir viel
Zeit haben werden, uns andere Bands anzuschauen, wird sich zeigen. Release und
Auftritt am selben Tag, erfordert eine große öffentliche Präsenz. Weitere Auftritte
im In- und Ausland wird es 2005 aber garantiert geben. Unklar ist wie/wann wir
auf Tour gehen werden. Dies wird sich die nächsten Wochen/Monate zeigen.
Welche Pläne stehen für dieses Jahr noch auf der Liste? Eine weitere Single?
Tour? Nebenprojekte (Aix),...?
Phil: Natürlich gilt es, das Haupt-Augenmerk auf den aktuellen Release zu
richten: Single/Tour-Pläne werden sich die nächsten Wochen herausstellen und
bekannt gegeben. AIX ist aber wohlauf (hey, da kennt sich jemand aus!) und es
gibt sogar ein paar Sommerfestival-Auftritte dieser Band im 2005 (Hauptsächlich
in der Schweiz). Wir hoffen natürlich, dass es dieses Jahr zum großen, öffentlichen
Jenna Jameson meets FAQ Auftritt kommt. Falls ja, sollte sich dieses niemand
entgehen lassen...
Erlaubt mir zum Schluss noch folgende Frage: Is Pornography Art? ;-)
Phil: DEFINITELY!
Interview: Thomas Tröger & FAQ
Mai 2005
FAQ:
Phillip Noijean
Mary Santella
Pille
Internet: www.f-a-g.ch | www.epopland.de/faq