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Elektronische Musik - Zwischen
Faszination und Stagnation |
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Seit Anbeginn ihres Siegeszuges
war elektronische Musik stets Veränderungen ausgesetzt und
hat sich weiterentwickelt wie kein zweites Genre. Zu den verschiedensten
Unterformen, welche es in der elektronischen Musik gibt, brachen
immer wieder neue Stile auf, wurden umbenannt, aus einer Mixtur
anderer Spielarten fusioniert oder gar wieder neu entdeckt
und an die Oberfläche befördert. Auch Jahrzehnte nachdem die
ersten Synthesizersongs von der breiten Masse akzeptiert wurden
und kommerzielle Erfolge feierten, finden immer noch Menschen
Freude an dieser Musik, egal ob sie sich komplex und verschachtelt,
minimalistisch-kühl oder sehr warm und sphärisch zeigt.
So wurden und werden immer noch die großen und kleinen Bands
von damals zum Einfluss vieler nachfolgenden Formationen,
welche vielleicht wiederum zur Inspirationsquelle späterer
Generationen werden, welche genauso die Faszination an elektronischer
Musik für sich entdecken werden, wie viele andere zuvor.
Und so oft ein Ei dem anderen gleicht, schon so oft musikalischen
Bereichen der Tod vorausgesagt wurde, passiert es gar nicht
mal so selten, dass sich Bands mit so viel Liebe und der gewissen
Portion Eigenständigkeit in diesem Genre bewegen, dass es
sogar Künstlern, die sich schon lange mit elektronischer Musik
auseinandersetzen, ein leichtes Unterfangen ist, einfach nur
den Part des Zuhörers einzunehmen.
Diese Umfrage soll dabei einen kleinen Einblick geben, wie
Musiker, Labelbetreiber, DJ's und Musik-Journalisten den aktuellen
Stand der elektronischen Musik und die Zukunft dieser breitgefächerten
Musiksparte beurteilen und vielleicht sogar etwas von der
eigenen Faszination und Begeisterung dafür anderen Menschen
mitgeben.
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Notizen zu den teilnehmenden Personen:
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Daniel Myer:
Musikalischer Kopf von haujobb, Architect & Destroid.
www.planetmyer.de
Dirk Hoffmann:
Tätig für eines der größten Szene-Musikmagazine,
das Zillo.
www.zillo.de
Frank Spinath:
Sänger der deutschen Formation Seabound.
www.seabound.de
Ion Javelin:
Mit Talla 2XLC einst Moskwa TV. Heute solo aktiv und Kollaberationen
(Javelin/Löwy, In Strict Confidence).
www.ionjavelin.de
Julia Beyer:
Freie Redakteurin beim Sonic Seducer, sowie Sängerin
der Band Technoir und ehemals Eternal Afflict.
www.sonic-seducer.de,
www.technoir.de
Lorenz Macke:
Label Synthetic Product Records, Epopland & 15 Jahre
De/Vision Managment.
www.epopland.de
Markus A. Müller:
DJ und Eventveranstalter aus Leipzig.
www.sandiego-music.de
Torben Schmidt:
Das Label Infacted-Recordings, sowie Bands / Projekte wie
Lights Of Euphoria & Enfusion.
www.infacted-recordings.de,
www.lightsofeuphoria.de
Torben Wendt:
Kreativer Kopf von Diorama.
www.diorama-music.com
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1. Wann bist du das erste Mal mit elektronischer Musik
in Berührung gekommen?
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Frank
Spinath: Ein Musiklehrer hat uns Ende der 70er Mussorgskys
"Bilder einer Ausstellung" vorgestellt, und zwar in einer
klassischen Orchesterversion, dann die Rockfassung von Emerson,
Lake & Palmer (1971) und schließlich eine Aufnahme von
Isao
Tomita, einem japanischen Musiker und Komponisten, der
1975 eine Synthesizer-Fassung davon heraus gebracht hat.
Ich erinnere mich gut, dass mir bei jedem einzelnen Stück
die elektronische Version um Längen besser gefiel als die
Vergleichsfassungen. Am faszinierendsten fand ich damals,
welche Ausdruckskraft in diesen schier endlosen elektronischen
Klanglandschaften steckte.
Lorenz Macke: 1978 durch Kraftwerk,
jemand legte bei einer Klassenparty "Autobahn" ein (welches
schon '75 erschien), gefolgt von "Trans Europa Express".
Ion Javelin: Anfang '80.
Dirk Hoffmann: Da ich in den 80ern aufgewachsen bin,
hat mich zunächst die New-Romantic- und Synth-Pop-Musik
"elektrisiert" - also ab 1983 habe ich angefangen, Bands
wie Depeche
Mode, Ultravox,
A Flock Of Seagulls, Blancemange, Boytronic,
The
Human League, Heaven
17, Icehouse
und Wang
Chung zu hören, dann kamen aber schnell die experimentelleren
Sachen von Skinny
Puppy, Cabaret
Voltaire, Einstürzende
Neubauten, Coil
und SPK
dazu.
Daniel Myer: Das war so ca. 1984. Da war ich mit
meinen Eltern im Ungarnurlaub und habe mir ein Tape gekauft.
Ich war 13 Jahre alt. Das Tape war von einer Band namens
Depeche
Mode und es war das Album "Some Great Reward".
Julia Beyer: Meine erste Erinnerung daran, mich für
elektronische Musik begeistert zu haben, liegt ziemlich
lange zurück, das war "You Spin Me Round" von Dead
Or Alive. Da war ich vermutlich ca. 8 Jahre alt... richtig
bewusst habe ich mich aber erst mit 18, 19 Jahren mit Electro
beschäftigt und zu dieser Zeit dann auch in meiner ersten
rein elektronischen Band gesungen. Als der Keyboarder dann
einen Gitarristen hinzu nehmen wollte, bin ich ausgestiegen...
Markus A. Müller: Das wird wohl so 1987/88 gewesen
sein. Das waren Künstler und Bands wie Tangerine
Dream, Tomita,
Vangelis,
Depeche
Mode, Yello,
Art
Of Noise, A-Ha,
und Erasure.
Torben Schmidt: Bei mir hat alles sehr traditionell
angefangen, mit Yello,
New
Order (erstes Album), sowie dem Frankfurter Sound der
Labels Westside,
ZYX,
Bellaphone etc...
Torben Wendt: Ende 1985 waren meine Grundschulklasse
und ich davon überzeugt, mit A-ha
den Sinn allen Daseins gefunden zu haben. Das war glaube
ich die Zeit, in der ich begonnen habe, elektronische Musik
differenziert als solche wahrzunehmen.
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2. Was fasziniert dich noch heute an elektronischen Klanglandschaften?
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Torben
Wendt: Vom Standpunkt des Schaffenden, die unbegrenzten
Möglichkeiten. Elektronische Musik kann in allen denkbaren
Stimmungen und Gangarten stattfinden und fügt sich ggf.
extrem flexibel in ein Gesamtbild zu analogen Einflüssen
und natürlichen Instrumenten. Der eigenen Kreativität, sofern
man elektronische Sounds als künstlerisches Vehikel für
sich entdecken kann, ist dadurch so gut wie kein Limit gesetzt.
Aus einem etwas philosophisierten Blickwinkel fasziniert,
ebenso die Wechselwirkung zwischen Mensch und Maschine,
die durchaus nicht einseitig ist - die Energie, die erst
durch die Kombination aus menschlichem Bewusstsein und in
Bahnen gelenkter Rechenleistung entsteht, die Symbiose von
Empfinden und Mathematik. Für mich persönlich liegt ein
großer Vorteil der Elektronik im organisatorischen Komfort,
nicht auf Band, Orchester oder Chor angewiesen zu sein,
um vielschichtige Produktionen realisieren zu können.
Die Faszination beim Zuhören hängt maßgeblich von der Richtung
und der jeweiligen Situation ab. Natürlich ist es eine ganz
unterschiedliche Erfahrung, im Club hüftschwingend eine
laute, rhythmische Nummer zu hören oder auf der heimischen
Couch eine Ambient-CD. Beides ist elektronisch und beides
kann faszinieren. Die Faszination kommt wohl am ehesten
von der Stimmung, dem emotionalen Impetus, den die Musik
erzeugt oder dem treffen und potenzieren der bereits bestehenden
Grundstimmung. Das hängt aber nicht an den Begriffen elektronisch
und nicht-elektronisch. Auch im Detail kann ich mich grundsätzlich
von elektronischen klangbestandsteilen genauso begeistern
lassen, wie von natürlichen.
Dirk Hoffmann: Die elektronische Musik ist das sicher
vielschichtigste musikalische Betätigungsfeld. Elektronische
Instrumente ermöglichen nicht nur die recht genaue Imitation
jedes anderen akustischen Instruments, sondern bieten unendliche
Experimentierräume für neue Sounds und nahezu sämtliche
Crossover-Ambitionen. Moderne Tanzmusik lässt sich gar nicht
mehr ohne den Einsatz elektronischer Mittel denken. Gleiches
gilt für Genres wie Ambient, TripHop, Drum'n'Bass, Lounge
etc., deren grundlegender Charakter gerade auf elektronisch
generierten Grooves und Atmosphären beruht. Und Filmkomponisten
wie Graeme
Revell, Hans
Zimmer und James
Newton Howard haben zum Beispiel auch dem traditionellen
Hollywood-Sound entscheidend neue Impulse verliehen.
Torben Schmidt: Den Facettenreichtum, die unendlichen
Möglichkeiten, das Klangspektrum und die Moderne. Elektronische
Sounds sind frisch, meiner Meinung nach auch unverbraucht
und spiegeln unsere Technokratische Gesellschaft ganz gut
wieder, Musik die fasziniert.
Lorenz Macke: Die Variationen, der Sound.
Frank Spinath: Ein Element ist eben diese Vielfalt.
Andererseits kann ich nicht verhehlen, dass elektronische
Musik für mich Kraft vermittelt. Nichts entwickelt für mich
einen vergleichbaren Druck wie ein gut programmierter Synthbass(lauf)
und ein entsprechendes Gerüst aus (elektrischem) Schlagwerk.
Für mich waren Front
242 ebenso wie Skinny
Puppy oder Front
Line Assembly in dieser Hinsicht regelrechte Offenbarungen.
Heute reizt mich die Musik einer elektronischen Band vor
allem dann, wenn Komposition, eigener Sound, gutes Programming
und - wenn ich mir schon meine eigene Wunschkombination
zusammenbauen kann - die Paarung aus interessanter Stimme
und ausdrucksstarken Lyrics zusammen kommen.
Markus A. Müller:
Es muss wohl an der Klangfarbe liegen. Am breiten
Spektrum elektronischer Klangerzeugung. Diese scheinbare
Unendlichkeit verschiedenste Klänge, Sounds, Geräusche erzeugen
zu können, die aus Maschinen kommen und dennoch etwas sehr
lebendiges haben können.
Ion Javelin: Die enorme potentielle Ausdrucksvielfalt;
elektronische Musik kann akustische selbstredend nicht ersetzen
(und sollte dies auch nie anstreben); dies gilt jedoch ebenso
umgekehrt. Elektronische Sounds - welcher Art auch immer
- schaffen eine Klangwelt, die durch akustische (auch elektrisch
verstärkte) Instrumente schlicht nicht zu erzeugen ist;
allein in dieser Tatsache liegt bereits eine ausreichende
Existenzberechtigung für elektronische Musik im Allgemeinen.
Hinzu kommt als nahezu ebenso zentraler Gesichtspunkt, dass
die heutzutage fast durchgängige Erarbeitungsmethode im
elektronischen Bereich - die Produktion Mithilfe von Programmen
und Computern - oft wiederum sehr starken Einfluss auf das
musikalische Ergebnis hat, wenn auch aus meiner Sicht nicht
immer zu dessen Vorteil, was jedoch - Datenverluste, Inkompatibilitäten,
Abstürze und ewiges nerviges Updaten einmal außer Acht gelassen
- nicht an der Technik liegt, sondern an denen, die sie
sich 'zunutze' machen.
Julia Beyer: Das ist wirklich schwer in Worte zu
fassen. Meiner Meinung nach ist die Gitarre als Instrument
zwar auch sehr vielseitig, die Elektronik bietet aber viel
mehr Möglichkeiten, gewisse und unterschiedlichere Stimmungen
zu erzeugen. Als ich das erste Mal so richtig auf den Instrumentalpart
in "Personal Jesus" von Depeche
Mode gehört habe, in dem ein wenig mit einem Filter
an einem Sound herumgespielt wurde, war es wohl um mich
geschehen. Das ist für mich eine reine Gefühlssache, vielleicht
"verstehe" ich elektronische Musik einfach besser als Gitarrenmusik.
Daniel Myer: Mich fasziniert Musik im Allgemeinen.
An elektronischer Musik fasziniert mich, dass man so viel
Neues aus Altbekanntem machen kann. Erst heute morgen habe
ich eine CD von einem Freund bekommen, der Samples von mir
für seine Musik benutzt hat. Was er daraus gemacht hat,
hat mich inspiriert und mich auf neue Ideen gebracht.
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3. Wie schätzt du die Entwicklung der elektronischen
Musik in den letzten fünf Jahren ein?
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Dirk
Hoffmann: Es scheint in der rein künstlerischen Dimension
wenig Neues zu passieren. Neuerungen zeigen sich eher in
technologischer Hinsicht, während junge wie gestandene Electro-Acts
eher an der Manifestierung des Status Quo zu arbeiten scheinen.
Da werden vor allem Retro-Bewegungen prominent, die Suche
nach verborgenen Schätzen aus der Vergangenheit, weil sich
kaum noch jemand die Mühe zu machen scheint, neue Stilelemente
zu entwickeln. Dieses Bemühen beschränkt sich eher auch
jedwede Verknüpfung aller vorhandenen Musikgenres, und die
Möglichkeiten der elektronischen Musikgestaltung setzen
da auch keine Grenzen. Ich kann mich nicht erinnern, dass
ich in den letzten fünf Jahren eine wirklich INNOVATIVE
Electro-Platte gehört hätte - interessante sicherlich, aber
wirklich neu ... Ne, eher nicht.
Frank Spinath: Ich finde es bezeichnend, wie sehr
die Szene (und da bin ich selbst überhaupt keine Ausnahme)
auf "Altbewährtes" zurückgreift. Ich glaube nicht, dass
das lediglich Ausdruck purer Sentimentaliät oder mangelnder
Offenheit auf Seiten der Zuhörer ist. Ich glaube, dass zahlreiche
Elektroprojekte heute Gefahr laufen, sich zu sehr an lieb
gewonnenen Vorbildern zu orientieren und dabei das Individuelle
in der eigenen Musik zu vergessen. Es ist völlig legitim
und auch begrüßenswert, wenn die Musik einer bestimmten
Band jemanden motiviert, selbst Musik zu machen. Wenn jedoch
das einzige an "Entwicklung", was in der Zwischenzeit passiert
ist, die Güte der Preset-Sounds der Klangerzeuger ist, die
der "moderne" Musiker verwendet, dann fehlt das Entscheidende,
was ein Musikprojekt in meinen Augen braucht: Authentizität
und Innovation! Eine Textzeile vom letzten And
One Album "Aggressor" bringt das für mich
auf den Punkt: "Eure Maschinen spiel'n zwar in Stereo, doch...".
Das allein gibt einem Musikprojekt eben noch keine Identität.
Für eine Band wie beispielsweise die frühen Human
League gab es kein Vorbild, das sie in dieser Weise
hätten kopieren können; das macht den Sound so mancher Band
aus den ausgehenden 70er und beginnenden 80er Jahren so
einmalig.
Ion Javelin: Ich bin weder Musikkritiker noch häufiger
Konzertgänger und habe daher nur einen sehr selektiven,
begrenzten Einblick in das, was sich bei den Neuerscheinungen
tut, zumal mich bestimmte Sparten innerhalb der elektronischen
Musik wie rein auf die Diskotheken zugeschnittener Techno
oder House so gut wie nicht interessieren. Ich vermute,
dass zwar einige interessante elektronische Bands bzw. Projekte
existieren, die eigene Wege suchen bzw. gehen, oft aber
nur in kleinen Rezipienten-Zirkeln kursieren, eben weil
sie nicht wirklich in eine der vorgegebenen Kategorien passen,
bisher jedoch auch nicht 'den Durchbruch' geschafft haben
oder einfach noch nicht so lange am Start sind. Vieles,
was ich an rein oder fast rein elektronischer Musik während
der letzten Jahre zu hören bekommen habe, empfand ich als
zu eintönig, zu einfallslos, zu unmusikalisch.
Torben Schmidt
: Also ich persönlich finde die Entwicklung so ausgeprägt
wie nie zuvor. Viele gute neue Sachen kommen auf den Markt,
natürlich auch viel Mist, aber das ist natürlich Genreübergreifend.
Ich kreide negativ an, dass für alles eine Schublade aufgemacht
werden muss und dass sich viel Fans sehr verbohrt verhalten,
was "unsere" Musik im Allgemeinen angeht. Futurepopper hören
Futurepop, EBM Heads nur Oldschool, Skinny
Puppy Fans nur "echten Electro" etc.; das nervt!
Lorenz Macke: Was ich schon seit zehn Jahren sage:
Es gibt nur neue Kombinationen. Interessant hierbei Projekte,
wobei mir grade Timo
Maas mit Placebo
sehr gefällt.
Julia Beyer: Ich könnte nicht behaupten, dass elektronische
Musik vor fünf Jahren besser oder schlechter war als jetzt.
Es wird durch Softwaresynthesizer bloß immer einfacher,
selbst Musik zu produzieren, was Vor- und Nachteile haben
kann... Musik entwickelt sich natürlich marktgemäß auch
immer in die Richtung, die vom Hörer gewünscht wird, und
da gibt es positive wie negative Entwicklungen. Die ganze
elektronische Sparte ist einfach in sich schon so vielfältig,
dass es eigentlich für jeden Geschmack die "richtige" elektronische
Spielart gibt, manche sind eben bloß beliebter als andere,
was leider überhaupt nichts über die Qualität der Musik
aussagt. Es wird immer Bands geben, die sich mit wenig Qualität
trotzdem schnell eine große Fangemeinde schaffen können,
und irgendwas müssen sie demzufolge anscheinend richtig
machen - wohingegen einige musikalisch wirklich interessante
Bands oft untergehen - Ausnahmen bestätigen natürlich die
Regel. Generell ist meiner Meinung nach zu beobachten, dass
sich die unterschiedlichen Stile immer mehr miteinander
vermischen, und daraus entwickelt sich wieder Neues - eine
ziemlich natürliche Entwicklung, oder? So wie es vor kurzem
Futurepop war und jetzt "Techno-EBM" ist, was das große
Ding ist, wird es in ein paar Jahren wieder etwas anderes
sein - die Grenzen sind eben fließend, und das ist auch
gut so, durch neue Einflüsse entsteht Fortschritt. Welcher
Künstler kann schon behaupten, etwas komplett frei von äußeren
Umständen geschaffen zu haben?
Torben Wendt: Wie in den meisten anderen Genres hat
eine enorme stilistische Atomisierung stattgefunden und
aus der Vernetzung von neuen Strömungen und traditionellen
Einflüssen sowie einer gestiegenen Begeisterungsfähigkeit
bzw. Toleranz für Cross-Over Projekte, ist ein unüberblickbares
Arsenal an verschiedensten Ausprägungen und Richtungen entstanden.
Symptom bzw. Resultat dieser Entwicklung sind auch die fließenderen
Grenzen zwischen den einzelnen Szene-Gruppierungen. Die
Chemical
Brothers sind ein gutes Beispiel, in deren Zuhörerkreis
findest du jegliche Couleur an Genre-Orientierungen. Im
klassischen Techno/Rave-Bereich als ehemals erfolgreichste
elektronische Sparte ist man denke ich bereits vor vielen
Jahren an seine Grenzen gestoßen und hat das Rezept totgetrampelt.
Damit einhergegangen ist nicht nur der Siegeszug der Milliarden
Unterkategorien von House, sondern auch eine Rückbesinnung
auf die Entdecker- und Experimentierfreude der ganz frühen
Tage und im Ergebnis sehr interessante Frickelarbeiten.
Als herausragend sind in diesem Zusammenhang die Stilrichtungen
Electronic Beats und Nu Jazz anzuführen. Im Gothic-Portfolio
hat die Elektronik mittlerweile eine klar dominierende Position
eingenommen. Hier ist nach der Adaptierung von puristischen
Techno-Elementen, der Etablierung und dem gegenwärtigen
langsamen Abklingen des so genannten Future Pop, die sich
festigende Tendenz zu hartem Industrial zu beobachten, häufig
mit prägnanten Vocal-Samples versehen. Diese Stilrichtung
wird wahrscheinlich auch über die nächsten Jahre zumindest
auf den Tanzflächen das angesagteste Thema sein, bis die
Mühlen der Stupidität auch hier überdehnt sind.
Daniel Myer: Ups... Stagnation auf der einen Seite.
Alles wird einfacher, massenkompatibel und langweilig. Auf
der anderen Seite gibt es die "Nerds", die immer weiter
forschen und neue Sachen entdecken und die Musik nach vorn
treiben.
Markus A. Müller: Viele reden von Stillstand und
die und die Musik wäre tot. Völliger Blödsinn. Manche Dinge
kommen, gehen und kehren früher oder später zurück. Ich
denke, in der elektronischen Musik ist ständig Bewegung
und Entwicklung. Es gibt Künstler, die sich den Erwartungen
der Konsumenten anpassen und andere, die ihren eigenen Weg
gehen. Je nachdem, was man mehr verfolgt, kommt man vermutlich
zu anderen Sichtweisen der Entwicklung.
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4. Was muss elektronische Musik mit sich bringen, um
die Neugierde bei dir zu wecken, dich auch weiterhin mit ihr
auseinander zu setzen und Interesse hervorzurufen?
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Julia
Beyer: Elektronische Musik muss mich in erster Linie
berühren, uninspiriertes 4/4-Gestampfe ohne Verstand und
schlechter musikalischer oder produktionstechnischer Umsetzung
hat da keine Chance. Das kann ein Groove sein, eine Basslinie,
die Stimme oder der Text - wenn ein Song etwas Besonderes
hat, passiert es oft, dass ich tagelang nur ein einziges
Lied höre. Individualität ist daneben ein ebenfalls nicht
zu unterschätzender Faktor... Bands, die einen austauschbaren
Sound haben und keinen Wiedererkennungswert besitzen, finde
ich sehr anstrengend.
Frank Spinath: Wie schon gesagt, spricht Musik mich
vor allem dann an, wenn gutes Songwriting und ein Sound,
der meinem Geschmack entspricht, damit einher gehen, dass
eine Band authentisch ist und eine unverwechselbare Identität
hat. So erst kürzlich wieder geschehen mit IAmX,
dem Projekt von Sneaker
Pimps Sänger Chris Corner. Dieses Album vereint all
die Dinge, die ich bei guter Musik suche. Und als Hörer
von Musik sind solche "Entdeckungen" für mich persönlich
etwas Wertvolles und machen einen großen Teil meiner nicht
nachlassenden Begeisterung für Musik aus.
Torben Wendt: Das gleiche wie jede andere Form von
Musik. Qualität, Innovation, Seele.
Dirk Hoffmann: Also, da ich von vornherein ein elektronisch
gepolter Hörer bin, fällt es mir nicht sooo schwer, die
Neugierde am Leben zu erhalten. Ich habe ja auch gar nicht
mehr den Anspruch, unbedingt etwas Neues entdecken zu müssen,
sondern erfreue mich schon an gut gemachter elektronischer
Musik. Das ist heutzutage ja nicht unbedingt die Regel.
So schön die Demokratisierung innerhalb der Musikproduktion
an sich auch ist, fördert sie doch auch das Mittelmaß. Nur
weil jeder im Prinzip die Möglichkeit dazu hat, selbst Musik
zu machen und sie auch in welcher Form auch immer zu veröffentlichen,
heißt das nicht, dass es auch jeder halbwegs gut kann! Aber
zum Glück gibt es nach wie vor immer noch interessante Neuentdeckungen
oder gute Produktionen etablierter Künstler. Und da macht
immer noch Spaß, sich dann mit der Musik auseinanderzusetzen.
Daniel Myer: Entweder gute Songs (wie z.B. bei Mesh)
oder neue Ideen und Sounds und Programmiertechnicken (wie
z.b Hecq).
Am liebsten mag ich aber die Verbindung von guter Produktion
und guten Songs. Leider findet man das im Electro Bereich
viel zu selten. Aber Alternative/Rock Bands benutzen immer
mehr elektronische Elemente, deshalb höre ich auch viel
lieber solche Musik (z.B. The
Faint, Bright
Eyes,...)
Markus A. Müller:
Aufgrund meiner Tätigkeit als DJ hab ich schon
ein sehr cluborientiertes Hören entwickelt. Am einfachsten
erreicht mich also elektronische Musik, wenn sie clubtauglich
ist. Aber selbst dann muss sie sich abheben vom Rest, sie
muss auf den Punkt kommen und sich auch Zeit nehmen, um
eine Atmosphäre zu entwickeln. Eigenständigkeit, Phantasie
und Authentizität sind Attribute, mit denen ich Musik verbinde.
Sie muss gleichzeitig maschinelle Kälte und menschliche
Wärme transportieren können...
Torben Schmidt: Sicher kann man das Rad 2005 nicht
neu erfinden, aber es gibt immer wieder Leute, die es verstehen
Melodien gut einzusetzen, intelligente Texte zu schreiben,
nahezu perfekte Abmischungen zu zaubern. Ich will mich musikalisch
im Bereich Elektronik nicht festlegen lassen. Es muss modern
sein, gut klingen und für mich, subjektiv tanzbar sein und
Spaß machen!
Lorenz Macke: Melodien oder im Extremfall einfach
nur fett klingend wie bei Nitzer
Ebb / Front
242 (damals).
Ion Javelin: Hier gibt es für mich verschiedene Präferenzen:
1. Sounds können der Hammer sein und natürlich trackprägende
Wirkung entfalten, aber in aller Regel reicht ein extraordinärer
Sound allein nicht, um mich aufhorchen zu lassen. ENTWEDER
sollte vor aller musikalischen Umsetzung zunächst eine tragfähige
Komposition vorhanden sein. Eine in sich stimmige Komposition
ist stets erkennbar, fast unabhängig davon, in welcher Machart
sie daherkommt. Der dramaturgische Aufbau und Ablauf eines
Stücks sollte sich also nicht nur über minutenlange Soundsteigerungen
auf immer gleichen Primitivo-Akkordfolgen oder über ebenso
lang eskalierende Drumrolls etc. definieren, sondern - wie
zu Zeiten der Doors,
Roxy
Music oder Genesis
- immer noch primär über musikalische Spannungsbögen, auch
innerhalb einzelner Harmoniefolgen, vor allem aber zwischen
unterschiedlichen Kompositionsbestandteilen, was, wenn auch
nicht zwangsläufig, einen ebenso auskomponierten Gesang
nahe legt.
ODER die Ursprungsidee zu einem Stück liegt tatsächlich
zunächst nur z.B. in einem Bass- oder Flächensound, der
unmittelbar fasziniert: Dann sollte man sich allein damit
nicht zufrieden geben, sondern ausgehend von der emotionalen
Wirkung dieser 'klangmusikalischen Figur' möglichst nicht
nur Sequenzen, sondern vor allem Harmonieabläufe erarbeiten,
die eben diese emotionale Richtung unterstützen bzw. gar
weiterführen. Meist erst dann nämlich hat man es mit einem
wirklich musikalischen 'Thema' zu tun; inwieweit dieses
dann auch befriedigend 'abgearbeitet', also ausgeschöpft
wurde, steht allerdings auf einem anderen Blatt und ist
von Fall zu Fall zu beurteilen.
2. Der zweite große, für mich interessante, Bereich innerhalb
der elektronischen Musik ist Ambient / Trance (ohne Techno-Schwerpunkt)
/ Teile der Chill Out Music; hier erwarte ich nicht unbedingt
eine Komposition im eigentlichen Sinne; es reicht die Entfaltung
einer puren, kontemplativen (oder selten auch verstörenden)
Stimmung, wobei hier die verwendeten Sounds eine umso zentralere
Bedeutung erlangen. Wenn der Rezeptionsvorgang solcher Stücke,
die ich zu 1. beschrieben habe, vielleicht eher dem eines
(falls gesungen wird: geführten) Museumsbesuchs oder Stadtrundgangs
entspricht, so gleicht er hinsichtlich der Werke zu 2. mehr
demjenigen, der sich während einer verschwiegenen Wanderung
durch ein Wattenmeer, eine Wüste oder beim Gleitflug durch
den Pferdekopfnebel einstellen würde.
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