Elektronische Musik - Zwischen Faszination und Stagnation  
Seit Anbeginn ihres Siegeszuges war elektronische Musik stets Veränderungen ausgesetzt und hat sich weiterentwickelt wie kein zweites Genre. Zu den verschiedensten Unterformen, welche es in der elektronischen Musik gibt, brachen immer wieder neue Stile auf, wurden umbenannt, aus einer Mixtur anderer Spielarten fusioniert oder gar wieder neu entdeckt und an die Oberfläche befördert. Auch Jahrzehnte nachdem die ersten Synthesizersongs von der breiten Masse akzeptiert wurden und kommerzielle Erfolge feierten, finden immer noch Menschen Freude an dieser Musik, egal ob sie sich komplex und verschachtelt, minimalistisch-kühl oder sehr warm und sphärisch zeigt.

So wurden und werden immer noch die großen und kleinen Bands von damals zum Einfluss vieler nachfolgenden Formationen, welche vielleicht wiederum zur Inspirationsquelle späterer Generationen werden, welche genauso die Faszination an elektronischer Musik für sich entdecken werden, wie viele andere zuvor.

Und so oft ein Ei dem anderen gleicht, schon so oft musikalischen Bereichen der Tod vorausgesagt wurde, passiert es gar nicht mal so selten, dass sich Bands mit so viel Liebe und der gewissen Portion Eigenständigkeit in diesem Genre bewegen, dass es sogar Künstlern, die sich schon lange mit elektronischer Musik auseinandersetzen, ein leichtes Unterfangen ist, einfach nur den Part des Zuhörers einzunehmen.

Diese Umfrage soll dabei einen kleinen Einblick geben, wie Musiker, Labelbetreiber, DJ's und Musik-Journalisten den aktuellen Stand der elektronischen Musik und die Zukunft dieser breitgefächerten Musiksparte beurteilen und vielleicht sogar etwas von der eigenen Faszination und Begeisterung dafür anderen Menschen mitgeben.



  • Notizen zu den teilnehmenden Personen:


     

    Daniel Myer:
    Musikalischer Kopf von haujobb, Architect & Destroid.
    www.planetmyer.de

    Dirk Hoffmann:

    Tätig für eines der größten Szene-Musikmagazine, das Zillo.
    www.zillo.de

    Frank Spinath:

    Sänger der deutschen Formation Seabound.
    www.seabound.de

    Ion Javelin:
    Mit Talla 2XLC einst Moskwa TV. Heute solo aktiv und Kollaberationen (Javelin/Löwy, In Strict Confidence).
    www.ionjavelin.de

    Julia Beyer:
    Freie Redakteurin beim Sonic Seducer, sowie Sängerin der Band Technoir und ehemals Eternal Afflict.
    www.sonic-seducer.de, www.technoir.de

    Lorenz Macke:
    Label Synthetic Product Records, Epopland & 15 Jahre De/Vision Managment.
    www.epopland.de

    Markus A. Müller:
    DJ und Eventveranstalter aus Leipzig.
    www.sandiego-music.de

    Torben Schmidt:
    Das Label Infacted-Recordings, sowie Bands / Projekte wie Lights Of Euphoria & Enfusion.
    www.infacted-recordings.de, www.lightsofeuphoria.de

    Torben Wendt:
    Kreativer Kopf von Diorama.
    www.diorama-music.com




  • 1. Wann bist du das erste Mal mit elektronischer Musik in Berührung gekommen?


     

    Frank Spinath: Ein Musiklehrer hat uns Ende der 70er Mussorgskys "Bilder einer Ausstellung" vorgestellt, und zwar in einer klassischen Orchesterversion, dann die Rockfassung von Emerson, Lake & Palmer (1971) und schließlich eine Aufnahme von Isao Tomita, einem japanischen Musiker und Komponisten, der 1975 eine Synthesizer-Fassung davon heraus gebracht hat. Ich erinnere mich gut, dass mir bei jedem einzelnen Stück die elektronische Version um Längen besser gefiel als die Vergleichsfassungen. Am faszinierendsten fand ich damals, welche Ausdruckskraft in diesen schier endlosen elektronischen Klanglandschaften steckte.

    Lorenz Macke: 1978 durch Kraftwerk, jemand legte bei einer Klassenparty "Autobahn" ein (welches schon '75 erschien), gefolgt von "Trans Europa Express".

    Ion Javelin: Anfang '80.

    Dirk Hoffmann:
    Da ich in den 80ern aufgewachsen bin, hat mich zunächst die New-Romantic- und Synth-Pop-Musik "elektrisiert" - also ab 1983 habe ich angefangen, Bands wie Depeche Mode, Ultravox, A Flock Of Seagulls, Blancemange, Boytronic, The Human League, Heaven 17, Icehouse und Wang Chung zu hören, dann kamen aber schnell die experimentelleren Sachen von Skinny Puppy, Cabaret Voltaire, Einstürzende Neubauten, Coil und SPK dazu.

    Daniel Myer: Das war so ca. 1984. Da war ich mit meinen Eltern im Ungarnurlaub und habe mir ein Tape gekauft. Ich war 13 Jahre alt. Das Tape war von einer Band namens Depeche Mode und es war das Album "Some Great Reward".

    Julia Beyer: Meine erste Erinnerung daran, mich für elektronische Musik begeistert zu haben, liegt ziemlich lange zurück, das war "You Spin Me Round" von Dead Or Alive. Da war ich vermutlich ca. 8 Jahre alt... richtig bewusst habe ich mich aber erst mit 18, 19 Jahren mit Electro beschäftigt und zu dieser Zeit dann auch in meiner ersten rein elektronischen Band gesungen. Als der Keyboarder dann einen Gitarristen hinzu nehmen wollte, bin ich ausgestiegen...

    Markus A. Müller: Das wird wohl so 1987/88 gewesen sein. Das waren Künstler und Bands wie Tangerine Dream, Tomita, Vangelis, Depeche Mode, Yello, Art Of Noise, A-Ha, und Erasure.

    Torben Schmidt: Bei mir hat alles sehr traditionell angefangen, mit Yello, New Order (erstes Album), sowie dem Frankfurter Sound der Labels Westside, ZYX, Bellaphone etc...

    Torben Wendt: Ende 1985 waren meine Grundschulklasse und ich davon überzeugt, mit A-ha den Sinn allen Daseins gefunden zu haben. Das war glaube ich die Zeit, in der ich begonnen habe, elektronische Musik differenziert als solche wahrzunehmen.




  • 2. Was fasziniert dich noch heute an elektronischen Klanglandschaften?


     

    Torben Wendt: Vom Standpunkt des Schaffenden, die unbegrenzten Möglichkeiten. Elektronische Musik kann in allen denkbaren Stimmungen und Gangarten stattfinden und fügt sich ggf. extrem flexibel in ein Gesamtbild zu analogen Einflüssen und natürlichen Instrumenten. Der eigenen Kreativität, sofern man elektronische Sounds als künstlerisches Vehikel für sich entdecken kann, ist dadurch so gut wie kein Limit gesetzt. Aus einem etwas philosophisierten Blickwinkel fasziniert, ebenso die Wechselwirkung zwischen Mensch und Maschine, die durchaus nicht einseitig ist - die Energie, die erst durch die Kombination aus menschlichem Bewusstsein und in Bahnen gelenkter Rechenleistung entsteht, die Symbiose von Empfinden und Mathematik. Für mich persönlich liegt ein großer Vorteil der Elektronik im organisatorischen Komfort, nicht auf Band, Orchester oder Chor angewiesen zu sein, um vielschichtige Produktionen realisieren zu können.
    Die Faszination beim Zuhören hängt maßgeblich von der Richtung und der jeweiligen Situation ab. Natürlich ist es eine ganz unterschiedliche Erfahrung, im Club hüftschwingend eine laute, rhythmische Nummer zu hören oder auf der heimischen Couch eine Ambient-CD. Beides ist elektronisch und beides kann faszinieren. Die Faszination kommt wohl am ehesten von der Stimmung, dem emotionalen Impetus, den die Musik erzeugt oder dem treffen und potenzieren der bereits bestehenden Grundstimmung. Das hängt aber nicht an den Begriffen elektronisch und nicht-elektronisch. Auch im Detail kann ich mich grundsätzlich von elektronischen klangbestandsteilen genauso begeistern lassen, wie von natürlichen.

    Dirk Hoffmann:
    Die elektronische Musik ist das sicher vielschichtigste musikalische Betätigungsfeld. Elektronische Instrumente ermöglichen nicht nur die recht genaue Imitation jedes anderen akustischen Instruments, sondern bieten unendliche Experimentierräume für neue Sounds und nahezu sämtliche Crossover-Ambitionen. Moderne Tanzmusik lässt sich gar nicht mehr ohne den Einsatz elektronischer Mittel denken. Gleiches gilt für Genres wie Ambient, TripHop, Drum'n'Bass, Lounge etc., deren grundlegender Charakter gerade auf elektronisch generierten Grooves und Atmosphären beruht. Und Filmkomponisten wie Graeme Revell, Hans Zimmer und James Newton Howard haben zum Beispiel auch dem traditionellen Hollywood-Sound entscheidend neue Impulse verliehen.

    Torben Schmidt: Den Facettenreichtum, die unendlichen Möglichkeiten, das Klangspektrum und die Moderne. Elektronische Sounds sind frisch, meiner Meinung nach auch unverbraucht und spiegeln unsere Technokratische Gesellschaft ganz gut wieder, Musik die fasziniert.

    Lorenz Macke: Die Variationen, der Sound.

    Frank Spinath: Ein Element ist eben diese Vielfalt. Andererseits kann ich nicht verhehlen, dass elektronische Musik für mich Kraft vermittelt. Nichts entwickelt für mich einen vergleichbaren Druck wie ein gut programmierter Synthbass(lauf) und ein entsprechendes Gerüst aus (elektrischem) Schlagwerk. Für mich waren Front 242 ebenso wie Skinny Puppy oder Front Line Assembly in dieser Hinsicht regelrechte Offenbarungen. Heute reizt mich die Musik einer elektronischen Band vor allem dann, wenn Komposition, eigener Sound, gutes Programming und - wenn ich mir schon meine eigene Wunschkombination zusammenbauen kann - die Paarung aus interessanter Stimme und ausdrucksstarken Lyrics zusammen kommen.

    Markus A. Müller: Es muss wohl an der Klangfarbe liegen. Am breiten Spektrum elektronischer Klangerzeugung. Diese scheinbare Unendlichkeit verschiedenste Klänge, Sounds, Geräusche erzeugen zu können, die aus Maschinen kommen und dennoch etwas sehr lebendiges haben können.

    Ion Javelin: Die enorme potentielle Ausdrucksvielfalt; elektronische Musik kann akustische selbstredend nicht ersetzen (und sollte dies auch nie anstreben); dies gilt jedoch ebenso umgekehrt. Elektronische Sounds - welcher Art auch immer - schaffen eine Klangwelt, die durch akustische (auch elektrisch verstärkte) Instrumente schlicht nicht zu erzeugen ist; allein in dieser Tatsache liegt bereits eine ausreichende Existenzberechtigung für elektronische Musik im Allgemeinen. Hinzu kommt als nahezu ebenso zentraler Gesichtspunkt, dass die heutzutage fast durchgängige Erarbeitungsmethode im elektronischen Bereich - die Produktion Mithilfe von Programmen und Computern - oft wiederum sehr starken Einfluss auf das musikalische Ergebnis hat, wenn auch aus meiner Sicht nicht immer zu dessen Vorteil, was jedoch - Datenverluste, Inkompatibilitäten, Abstürze und ewiges nerviges Updaten einmal außer Acht gelassen - nicht an der Technik liegt, sondern an denen, die sie sich 'zunutze' machen.

    Julia Beyer: Das ist wirklich schwer in Worte zu fassen. Meiner Meinung nach ist die Gitarre als Instrument zwar auch sehr vielseitig, die Elektronik bietet aber viel mehr Möglichkeiten, gewisse und unterschiedlichere Stimmungen zu erzeugen. Als ich das erste Mal so richtig auf den Instrumentalpart in "Personal Jesus" von Depeche Mode gehört habe, in dem ein wenig mit einem Filter an einem Sound herumgespielt wurde, war es wohl um mich geschehen. Das ist für mich eine reine Gefühlssache, vielleicht "verstehe" ich elektronische Musik einfach besser als Gitarrenmusik.

    Daniel Myer: Mich fasziniert Musik im Allgemeinen. An elektronischer Musik fasziniert mich, dass man so viel Neues aus Altbekanntem machen kann. Erst heute morgen habe ich eine CD von einem Freund bekommen, der Samples von mir für seine Musik benutzt hat. Was er daraus gemacht hat, hat mich inspiriert und mich auf neue Ideen gebracht.




  • 3. Wie schätzt du die Entwicklung der elektronischen Musik in den letzten fünf Jahren ein?


     

    Dirk Hoffmann: Es scheint in der rein künstlerischen Dimension wenig Neues zu passieren. Neuerungen zeigen sich eher in technologischer Hinsicht, während junge wie gestandene Electro-Acts eher an der Manifestierung des Status Quo zu arbeiten scheinen. Da werden vor allem Retro-Bewegungen prominent, die Suche nach verborgenen Schätzen aus der Vergangenheit, weil sich kaum noch jemand die Mühe zu machen scheint, neue Stilelemente zu entwickeln. Dieses Bemühen beschränkt sich eher auch jedwede Verknüpfung aller vorhandenen Musikgenres, und die Möglichkeiten der elektronischen Musikgestaltung setzen da auch keine Grenzen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in den letzten fünf Jahren eine wirklich INNOVATIVE Electro-Platte gehört hätte - interessante sicherlich, aber wirklich neu ... Ne, eher nicht.

    Frank Spinath: Ich finde es bezeichnend, wie sehr die Szene (und da bin ich selbst überhaupt keine Ausnahme) auf "Altbewährtes" zurückgreift. Ich glaube nicht, dass das lediglich Ausdruck purer Sentimentaliät oder mangelnder Offenheit auf Seiten der Zuhörer ist. Ich glaube, dass zahlreiche Elektroprojekte heute Gefahr laufen, sich zu sehr an lieb gewonnenen Vorbildern zu orientieren und dabei das Individuelle in der eigenen Musik zu vergessen. Es ist völlig legitim und auch begrüßenswert, wenn die Musik einer bestimmten Band jemanden motiviert, selbst Musik zu machen. Wenn jedoch das einzige an "Entwicklung", was in der Zwischenzeit passiert ist, die Güte der Preset-Sounds der Klangerzeuger ist, die der "moderne" Musiker verwendet, dann fehlt das Entscheidende, was ein Musikprojekt in meinen Augen braucht: Authentizität und Innovation! Eine Textzeile vom letzten And One Album "Aggressor" bringt das für mich auf den Punkt: "Eure Maschinen spiel'n zwar in Stereo, doch...". Das allein gibt einem Musikprojekt eben noch keine Identität. Für eine Band wie beispielsweise die frühen Human League gab es kein Vorbild, das sie in dieser Weise hätten kopieren können; das macht den Sound so mancher Band aus den ausgehenden 70er und beginnenden 80er Jahren so einmalig.

    Ion Javelin: Ich bin weder Musikkritiker noch häufiger Konzertgänger und habe daher nur einen sehr selektiven, begrenzten Einblick in das, was sich bei den Neuerscheinungen tut, zumal mich bestimmte Sparten innerhalb der elektronischen Musik wie rein auf die Diskotheken zugeschnittener Techno oder House so gut wie nicht interessieren. Ich vermute, dass zwar einige interessante elektronische Bands bzw. Projekte existieren, die eigene Wege suchen bzw. gehen, oft aber nur in kleinen Rezipienten-Zirkeln kursieren, eben weil sie nicht wirklich in eine der vorgegebenen Kategorien passen, bisher jedoch auch nicht 'den Durchbruch' geschafft haben oder einfach noch nicht so lange am Start sind. Vieles, was ich an rein oder fast rein elektronischer Musik während der letzten Jahre zu hören bekommen habe, empfand ich als zu eintönig, zu einfallslos, zu unmusikalisch.

    Torben Schmidt : Also ich persönlich finde die Entwicklung so ausgeprägt wie nie zuvor. Viele gute neue Sachen kommen auf den Markt, natürlich auch viel Mist, aber das ist natürlich Genreübergreifend. Ich kreide negativ an, dass für alles eine Schublade aufgemacht werden muss und dass sich viel Fans sehr verbohrt verhalten, was "unsere" Musik im Allgemeinen angeht. Futurepopper hören Futurepop, EBM Heads nur Oldschool, Skinny Puppy Fans nur "echten Electro" etc.; das nervt!

    Lorenz Macke: Was ich schon seit zehn Jahren sage: Es gibt nur neue Kombinationen. Interessant hierbei Projekte, wobei mir grade Timo Maas mit Placebo sehr gefällt.

    Julia Beyer: Ich könnte nicht behaupten, dass elektronische Musik vor fünf Jahren besser oder schlechter war als jetzt. Es wird durch Softwaresynthesizer bloß immer einfacher, selbst Musik zu produzieren, was Vor- und Nachteile haben kann... Musik entwickelt sich natürlich marktgemäß auch immer in die Richtung, die vom Hörer gewünscht wird, und da gibt es positive wie negative Entwicklungen. Die ganze elektronische Sparte ist einfach in sich schon so vielfältig, dass es eigentlich für jeden Geschmack die "richtige" elektronische Spielart gibt, manche sind eben bloß beliebter als andere, was leider überhaupt nichts über die Qualität der Musik aussagt. Es wird immer Bands geben, die sich mit wenig Qualität trotzdem schnell eine große Fangemeinde schaffen können, und irgendwas müssen sie demzufolge anscheinend richtig machen - wohingegen einige musikalisch wirklich interessante Bands oft untergehen - Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Generell ist meiner Meinung nach zu beobachten, dass sich die unterschiedlichen Stile immer mehr miteinander vermischen, und daraus entwickelt sich wieder Neues - eine ziemlich natürliche Entwicklung, oder? So wie es vor kurzem Futurepop war und jetzt "Techno-EBM" ist, was das große Ding ist, wird es in ein paar Jahren wieder etwas anderes sein - die Grenzen sind eben fließend, und das ist auch gut so, durch neue Einflüsse entsteht Fortschritt. Welcher Künstler kann schon behaupten, etwas komplett frei von äußeren Umständen geschaffen zu haben?

    Torben Wendt: Wie in den meisten anderen Genres hat eine enorme stilistische Atomisierung stattgefunden und aus der Vernetzung von neuen Strömungen und traditionellen Einflüssen sowie einer gestiegenen Begeisterungsfähigkeit bzw. Toleranz für Cross-Over Projekte, ist ein unüberblickbares Arsenal an verschiedensten Ausprägungen und Richtungen entstanden. Symptom bzw. Resultat dieser Entwicklung sind auch die fließenderen Grenzen zwischen den einzelnen Szene-Gruppierungen. Die Chemical Brothers sind ein gutes Beispiel, in deren Zuhörerkreis findest du jegliche Couleur an Genre-Orientierungen. Im klassischen Techno/Rave-Bereich als ehemals erfolgreichste elektronische Sparte ist man denke ich bereits vor vielen Jahren an seine Grenzen gestoßen und hat das Rezept totgetrampelt. Damit einhergegangen ist nicht nur der Siegeszug der Milliarden Unterkategorien von House, sondern auch eine Rückbesinnung auf die Entdecker- und Experimentierfreude der ganz frühen Tage und im Ergebnis sehr interessante Frickelarbeiten. Als herausragend sind in diesem Zusammenhang die Stilrichtungen Electronic Beats und Nu Jazz anzuführen. Im Gothic-Portfolio hat die Elektronik mittlerweile eine klar dominierende Position eingenommen. Hier ist nach der Adaptierung von puristischen Techno-Elementen, der Etablierung und dem gegenwärtigen langsamen Abklingen des so genannten Future Pop, die sich festigende Tendenz zu hartem Industrial zu beobachten, häufig mit prägnanten Vocal-Samples versehen. Diese Stilrichtung wird wahrscheinlich auch über die nächsten Jahre zumindest auf den Tanzflächen das angesagteste Thema sein, bis die Mühlen der Stupidität auch hier überdehnt sind.

    Daniel Myer: Ups... Stagnation auf der einen Seite. Alles wird einfacher, massenkompatibel und langweilig. Auf der anderen Seite gibt es die "Nerds", die immer weiter forschen und neue Sachen entdecken und die Musik nach vorn treiben.

    Markus A. Müller: Viele reden von Stillstand und die und die Musik wäre tot. Völliger Blödsinn. Manche Dinge kommen, gehen und kehren früher oder später zurück. Ich denke, in der elektronischen Musik ist ständig Bewegung und Entwicklung. Es gibt Künstler, die sich den Erwartungen der Konsumenten anpassen und andere, die ihren eigenen Weg gehen. Je nachdem, was man mehr verfolgt, kommt man vermutlich zu anderen Sichtweisen der Entwicklung.




  • 4. Was muss elektronische Musik mit sich bringen, um die Neugierde bei dir zu wecken, dich auch weiterhin mit ihr auseinander zu setzen und Interesse hervorzurufen?


     

    Julia Beyer: Elektronische Musik muss mich in erster Linie berühren, uninspiriertes 4/4-Gestampfe ohne Verstand und schlechter musikalischer oder produktionstechnischer Umsetzung hat da keine Chance. Das kann ein Groove sein, eine Basslinie, die Stimme oder der Text - wenn ein Song etwas Besonderes hat, passiert es oft, dass ich tagelang nur ein einziges Lied höre. Individualität ist daneben ein ebenfalls nicht zu unterschätzender Faktor... Bands, die einen austauschbaren Sound haben und keinen Wiedererkennungswert besitzen, finde ich sehr anstrengend.

    Frank Spinath: Wie schon gesagt, spricht Musik mich vor allem dann an, wenn gutes Songwriting und ein Sound, der meinem Geschmack entspricht, damit einher gehen, dass eine Band authentisch ist und eine unverwechselbare Identität hat. So erst kürzlich wieder geschehen mit IAmX, dem Projekt von Sneaker Pimps Sänger Chris Corner. Dieses Album vereint all die Dinge, die ich bei guter Musik suche. Und als Hörer von Musik sind solche "Entdeckungen" für mich persönlich etwas Wertvolles und machen einen großen Teil meiner nicht nachlassenden Begeisterung für Musik aus.

    Torben Wendt: Das gleiche wie jede andere Form von Musik. Qualität, Innovation, Seele.

    Dirk Hoffmann: Also, da ich von vornherein ein elektronisch gepolter Hörer bin, fällt es mir nicht sooo schwer, die Neugierde am Leben zu erhalten. Ich habe ja auch gar nicht mehr den Anspruch, unbedingt etwas Neues entdecken zu müssen, sondern erfreue mich schon an gut gemachter elektronischer Musik. Das ist heutzutage ja nicht unbedingt die Regel. So schön die Demokratisierung innerhalb der Musikproduktion an sich auch ist, fördert sie doch auch das Mittelmaß. Nur weil jeder im Prinzip die Möglichkeit dazu hat, selbst Musik zu machen und sie auch in welcher Form auch immer zu veröffentlichen, heißt das nicht, dass es auch jeder halbwegs gut kann! Aber zum Glück gibt es nach wie vor immer noch interessante Neuentdeckungen oder gute Produktionen etablierter Künstler. Und da macht immer noch Spaß, sich dann mit der Musik auseinanderzusetzen.

    Daniel Myer: Entweder gute Songs (wie z.B. bei Mesh) oder neue Ideen und Sounds und Programmiertechnicken (wie z.b Hecq). Am liebsten mag ich aber die Verbindung von guter Produktion und guten Songs. Leider findet man das im Electro Bereich viel zu selten. Aber Alternative/Rock Bands benutzen immer mehr elektronische Elemente, deshalb höre ich auch viel lieber solche Musik (z.B. The Faint, Bright Eyes,...)

    Markus A. Müller: Aufgrund meiner Tätigkeit als DJ hab ich schon ein sehr cluborientiertes Hören entwickelt. Am einfachsten erreicht mich also elektronische Musik, wenn sie clubtauglich ist. Aber selbst dann muss sie sich abheben vom Rest, sie muss auf den Punkt kommen und sich auch Zeit nehmen, um eine Atmosphäre zu entwickeln. Eigenständigkeit, Phantasie und Authentizität sind Attribute, mit denen ich Musik verbinde. Sie muss gleichzeitig maschinelle Kälte und menschliche Wärme transportieren können...

    Torben Schmidt: Sicher kann man das Rad 2005 nicht neu erfinden, aber es gibt immer wieder Leute, die es verstehen Melodien gut einzusetzen, intelligente Texte zu schreiben, nahezu perfekte Abmischungen zu zaubern. Ich will mich musikalisch im Bereich Elektronik nicht festlegen lassen. Es muss modern sein, gut klingen und für mich, subjektiv tanzbar sein und Spaß machen!

    Lorenz Macke: Melodien oder im Extremfall einfach nur fett klingend wie bei Nitzer Ebb / Front 242 (damals).

    Ion Javelin: Hier gibt es für mich verschiedene Präferenzen:
    1. Sounds können der Hammer sein und natürlich trackprägende Wirkung entfalten, aber in aller Regel reicht ein extraordinärer Sound allein nicht, um mich aufhorchen zu lassen. ENTWEDER sollte vor aller musikalischen Umsetzung zunächst eine tragfähige Komposition vorhanden sein. Eine in sich stimmige Komposition ist stets erkennbar, fast unabhängig davon, in welcher Machart sie daherkommt. Der dramaturgische Aufbau und Ablauf eines Stücks sollte sich also nicht nur über minutenlange Soundsteigerungen auf immer gleichen Primitivo-Akkordfolgen oder über ebenso lang eskalierende Drumrolls etc. definieren, sondern - wie zu Zeiten der Doors, Roxy Music oder Genesis - immer noch primär über musikalische Spannungsbögen, auch innerhalb einzelner Harmoniefolgen, vor allem aber zwischen unterschiedlichen Kompositionsbestandteilen, was, wenn auch nicht zwangsläufig, einen ebenso auskomponierten Gesang nahe legt.
    ODER die Ursprungsidee zu einem Stück liegt tatsächlich zunächst nur z.B. in einem Bass- oder Flächensound, der unmittelbar fasziniert: Dann sollte man sich allein damit nicht zufrieden geben, sondern ausgehend von der emotionalen Wirkung dieser 'klangmusikalischen Figur' möglichst nicht nur Sequenzen, sondern vor allem Harmonieabläufe erarbeiten, die eben diese emotionale Richtung unterstützen bzw. gar weiterführen. Meist erst dann nämlich hat man es mit einem wirklich musikalischen 'Thema' zu tun; inwieweit dieses dann auch befriedigend 'abgearbeitet', also ausgeschöpft wurde, steht allerdings auf einem anderen Blatt und ist von Fall zu Fall zu beurteilen.
    2. Der zweite große, für mich interessante, Bereich innerhalb der elektronischen Musik ist Ambient / Trance (ohne Techno-Schwerpunkt) / Teile der Chill Out Music; hier erwarte ich nicht unbedingt eine Komposition im eigentlichen Sinne; es reicht die Entfaltung einer puren, kontemplativen (oder selten auch verstörenden) Stimmung, wobei hier die verwendeten Sounds eine umso zentralere Bedeutung erlangen. Wenn der Rezeptionsvorgang solcher Stücke, die ich zu 1. beschrieben habe, vielleicht eher dem eines (falls gesungen wird: geführten) Museumsbesuchs oder Stadtrundgangs entspricht, so gleicht er hinsichtlich der Werke zu 2. mehr demjenigen, der sich während einer verschwiegenen Wanderung durch ein Wattenmeer, eine Wüste oder beim Gleitflug durch den Pferdekopfnebel einstellen würde.