"Cue to Recall" über Tellerränder, das Festland, Helmut Lotti und
die Suche nach neuen Ufern
"Mainland" heißt die aktuelle CD des Deutsch-Norwegischen Duos "Cue to Recall".
Mag sein, dass es mehr als nur den ein oder anderen gibt, der diese Band noch
nicht kennt. Genau aus diesem Grund unterhielten wir uns mit Bernd Lohse und
Terje Elfström Vangbo. Die Antworten von Terje wurden übersetzt, wobei
die norwegische Version anhängt und dieses Interview sinnvoller machen,
aber lest selbst.
So,
um das Optische gleich mal vorweg zu nehmen: Ihr schaut düsterer aus und genauso
ist das Cover und das Booklet dunkler als die Musik, die auf der CD zu hören
ist. Habt ihr nicht die Befürchtung, von zufällig im Regal wühlenden Leuten
in eine falsche Ecke getrieben zu werden, bevor sich jemand "Mainland" anhört
bzw. das dann vielleicht nicht tut?
Terje: Das dunkle und melancholische befindet sich etwas unter der Oberfläche.
Die Texte untermauern das noch. Diese Elemente findet man nicht unbedingt nach
einmaligen durchhören. (Det mørke og melankolske finner man litt under overflaten
i musikken vår. Tekstene gir også ekstra næring til dette. Ofte finner man ikke
disse elementene før etter et par gjennomlyttinger.)
Bernd: Wer ein wenig bereit ist, über den Tellerand hinaus zu schauen und
gerne träumt, wird "Mainland" nicht gleich in die Ecke werfen. Es kommt uns
im Allgemeinen sehr auf die Symbolsprache an. "Mainland" ist allerdings ein
sehr subjektives und persönliches Werk, und nicht um jeden Preis auf Kommerz
ausgelegt.
Was macht denn der Mann auf dem Cover? Badet der oder will der sich ertränken?
Bernd: Ich freue mich sehr darüber dass du danach fragst. Das Bild erregt
Aufsehen. Es gehört zu unserem Konzept, dass wir unsere Zuhörer dazu anregen
wollen, sich zu wundern und sich viele Fragen zu stellen, um danach mit den
Fragen dazusitzen.
Terje: Man könnte sagen, dass er nach er irgendetwas im Offenen, im Unbekannten
sucht. (Man kunne si at han søker etter noe i det åpne og ukjente.)
Zur Musik - oder nein: erst mal zum CD-Titel: "Mainland" bedeutet "Festland".
Welcher Gedanke steckt denn da dahinter? (Ihr könnt jetzt auch eine Anspielung
an den Main machen, dann an diesem Fluss lebe ich…)
Terje: Das Festland beschreibt das Sichere, dass manchmal zu sicher wird,
so dass alternative Lösungen, die Freiheit bedeuten würden, überschattet werden.
(Fastlandet beskriver det trygge som enkelte ganger er altfor trygt, slik at
det skygger over alternative løsninger som gir frihet.)
Bernd: Man will es vielleicht verlassen und nach neuen Ufern suchen oder
auch nicht. Das ist ganz symbolisch und passt auf viele Situationen. Wenn jemand
an der Gesellschaft, am Mainstream teilhaben möchte, kann es passieren, dass
man ausgefroren wird, wenn man nicht konform genug ist. Ja und da überlegt sich
dann einer das Festland zu verlassen. Der Schritt ist aber nicht getan. Es kommt
hier in dem Bild darauf an, dass der Mann sich auf einer Schwelle, in einem
übergangspunkt befindet. Was er damit bezweckt, oder ob er irgendeine bestimmte
Hoffnung hat, oder was auch immer letzten Endes passieren wird, sei völlig dahingestellt.
Da mein Schulenglisch vor 17 Jahren endete: Steckt hinter eurem Bandnamen eine
Redewendung oder zumindest ein tiefer gehender Hintersinn?
Bernd: Als wir damals nach einem Namen für unser Projekt suchten, stieß
ich in einem Lehrbuch über Lerntheorie auf den Begriff "Cue to Recall". Das
bedeutet direkt übersetzt Schlüsselreiz zum Wiedererkennen. In der Lerntheorie
ist das so zu verstehen: Wenn man z.B. in seiner Kindheit etwas lernt oder erlebt,
vergisst man das gerne im Erwachsenenalter. Wird einem dabei jedoch ein Schlüsselreiz
mitgegeben, der an sich gar nichts mit dem Inhalt des zu Erlernenden zu tun
hat, so erinnert sich der Erwachsene leichter, oder auch überhaupt erst, wenn
er damit konfrontiert wird. Der Schlüsselreiz kann vielerlei sein - z.B. eine
Person, ein Gefühl, ein Verhalten, ein Satz, ein Gegenstand. Das alles kann
ganz unabsichtlich geschehen oder ganz nach Plan.
Jetzt
geb´ ich mal ganz ehrlich zu: Cue to Recall sagte mir persönlich bislang wenig,
genauso hatte ich noch nie zuvor eine CD von Elektro Shock Records in der Hand.
Helft mir auf die Sprünge: Wie lange gibt´s euch schon, was habt ihr vorher
musikalisch gemacht, wie kamt ihr zum Label?
Bernd: Ich hatte mit Unterbrechungen schon seit 1986 ziemlich viel im stillen
Kämmerlein an Synthesizern herumgeschraubt. Das wurde nach 1995 mehr, als multitimbrale
Synthis und Cubase bezahlbar wurden. Richtig ernsthaft wurde es erst vor ca.
3 ½ Jahren. Da begann ich mir professionelle Hardware zu kaufen und ordentlich
zu produzieren - wobei ich mir nicht anmaßen würde, schon alles zu können. Wir
haben dann ein paar 100 Demos versendet. Gleich im Sommer 2002 ging einer der
ersten Songs überhaupt, "Coming Thru" auf Chipyard 2002 Remixes (Wycombe Music).
Wir hatten seit ca. Ende 2003 Kontakte zu mehreren Labels, darunter auch E-Shock.
Dann ging Ende 2004 alles Schlag auf Schlag. Erstmal kam "Ghost of Fortune"
auf den Stromschlag vol.2 Sampler (E-Shock- & Calyx Records). "No Exceptions"
ging im Dezember auf den schwedischen Electrixmas-Sampler (Nuclear Nation/Memento
Materia). Danach hatten wir dann den Plattenvertrag bei E-shock bekommen.
Nun klingt der Name Terje Elfström Vangbo skandinavisch, Bernd Lohse ziemlich
deutsch. Wie kamt ihr zusammen? Wer hat wen angesprochen, wie lerntet ihr euch
kennen? Erzählt uns die ganze Geschichte!
Terje: Ich setzte im Januar 2000 eine Annonce in das Magazin Musikkpraksis.
Ich wollte gerne jemanden treffen, der elektronische Musik machen konnte und
Ahnung von der Technik hatte. (Januar 2000 satte jeg en annonse i magasinet
musikkpraksis. Jeg hadde lyst til å møte en person som hadde greie på å lage
elektronisk musikk og de tekniske sidene ved dette.)
Bernd: Ich war damals gerade zwei Jahre in Norwegen und ½ Jahr in Oslo.
Ich hatte schon ein paar flüchtige Versuche mit anderen Partnern hinter mir,
wo die Chemie aber nicht stimmte. Terje und ich fanden dagegen sehr schnell
einen gemeinsamen Nenner. Die ersten Songs waren sehr experimentell und was
die Qualität betraf überhaupt nicht konkurrenzfähig. Spaß gemacht hat es trotzdem.
Trifft schlichtweg "Electro-Pop" als Bezeichnung für Eure Musik? Oder wollt
ihr stilistisch lieber noch in andere Ecken?
Terje: Wir flirten gerne mit Electro, EBM, Futurepop und Darkwave, versuchen
aber ständig den Cue to Recall-Sound herzustellen. (Flørter med både Electro,
EBM, Futurepop og Darkwave, men prøver stadig å lage Cue to Recall-sound.)
Bernd: Ich glaube meinerseits, dass Cue to Recall immer Electro-Pop bleiben
wird. Wenn ich noch mal was anderes machen sollte, wäre das dann ein anderes
Projekt. Es ist bisher nichts in der Richtung geplant.
Ich
muss zugeben der Opener "In your hands" hat es mir derart angetan, dass ich
vor Titel zwei, den ersten zunächst drei Mal gehört habe. Und bei "The Presage"
bin ich nochmals nachhaltig hängen geblieben. Seht ihr´s ähnlich - das sind
die Ohrwürmer auf einem ansonsten enorm geschlossenen Album?
Terje: Ich glaube, dass verschiedene Songs auf dem Album die Favoriten für
verschiedene Zuhörer sein können. Einige reagieren mehr auf die melancholischen,
andre wieder auf die euphorischeren Songs. Wir haben zu unterschiedlichen Songs
positive Rückmeldungen bekommen. (Jeg tror forskjellige låter på albumet vil
fungere som hitlåter for forskjellige lyttere. Noen reagerer kanskje mere på
de melankolske låtene, mens andre liker de som er mer oppløftende i stemningen.
De gode tilbakemeldingene vi har fått har referert seg til mange forskjellige
låter.)
Habt ihr irgendwelche textliche Anliegen?
Terje: Die Botschaft beinhaltet oft Stimmungsschwankungen, zwischenmenschliche
Beziehungen und wie man auf Umwälzungen im Leben reagiert, also die Konsequenz
daraus, wenn irgendwas zusammenbricht oder Neues entsteht. Man kann die Texte
auch relativ frei auslegen, weil der Stil ziemlich metaphorisch ist. (Budskapet
går ofte på humørstemninger, mellom-menneskelige relasjoner og hvordan man reagerer
på omveltninger i livet som følge av at det brytes ned eller bygges opp. Det
finnes også en viss mulighet til å forme tekstene etter egen oppfatning, da
stilen er ganske metaforisk.)
Bernd: Terjes Texte regen zum Fragen, Wundern, und Staunen an. Es lohnt
sich also das Englischwörterbuch rauszuholen. Er benutzt viele Metaphern, um
die unterschwelligen Strömungen im täglichen Leben zum Ausdruck bringen. Und
genauso ist es auch irgendwo mit der ganzen CD. Es brodelt unterschwellig.
Füllt bitte mal die Lücke in dem Satz: Vor allem Fans von …… würden gefallen
an "Mainland" von Cue to Recall finden!
Terje: Besonders Fans aus Perm in Russland würden Mainland mögen, eine lustige
Sache …Oleg. (Spesielt fans fra Perm i russland vil like Mainland! En liten
morsom historie her… Oleg)
Bernd: Jetzt habe ich doch glatt bei meiner übersetzung ins Norwegische
geschlampt. Auf Norwegisch gibt es zwei Wörter für "von". Und das eine von denen
wird geographisch gedeutet. Oleg ist einer unserer Fans aus Russland - er hat
übrigens eine sehr gute Webseite www.synthpop.ru. Zum Thema zurück - ich denke
schon, dass vor allem Fans von Apoptygma Berzerk, Covenant und VNV Nation uns
mögen würden.
Sind das dann dementsprechend auch Eure Lieblinge, Eure Vorbilder?
Bernd: Apoptygma Berzerk gehören für mich auf jeden Fall dazu.
Terje: Terjes Vorbilder: David Bowie und Han Solo. Der eine stammt nicht
von unserem Planeten. (Terjes forbilder: (David Bowie og Han Solo. Den
ene er ikke fra vår planet.)
Ein
Norweger und ein Deutscher musizieren. Was mag man da noch außer Apoptygma Berzerk?
Camouflage?
Terje: Apop und Camouflage sind gut, aber sonst mag ich u.a. auch Covenant,
Seabound, Clan of Xymox und The Human League. (Apop og Camouflage er bra, men
liker ellers Covenant, Seabound, Clan of Xymox, The Human League med flere.)
Bernd: Ja gewiss, und ich mag insbesondere noch Gothminister, OMD, New Order,
In Strict Confidence, Beethoven, Peter und der Wolf.
Geht euch die Galle hoch, wenn Schni, Schna, Schnappi oder Nena die deutschen
Charts anführen und Ralph Siegel beinahe wieder zum Grande Prix gefahren wäre?
Bernd: Ach ich bin schon so lange aus Deutschland weg, dass ich schon gar
nicht mehr weiß, was auf dem Gebiet so passiert. Ist mir auch reichlich egal.
Der Name Schni, Schna, Schnappi passt allerdings sehr gut in die Sprache die
ich mit meinem drei Monate alten Sohn Mathias pflege.
Terje: Das Einzige was ich nicht haben möchte ist eine neue Sammelscheibe
von Helmut Lotti. (Det eneste jeg ikke vil ha er en ny samleplate fra Helmut
Lotti.)
Anderes Thema: Gibt´s euch irgendwann mal live zu hören?
Terje: Ja selbstverständlich. (Ja, selvfølgelig!)
Bernd: Wollen wir mal hoffen, dass da nächster Zukunft ordentlich was passiert.
Unser nächstes Konzert geben wir auf unserer Releaseparty am 1.April in Oslo.
P24 aus Berlin und In Vein aus Oslo wärmen auf.
Existieren bereits Ideen für weitere Titel?
Bernd: Auf jeden Fall. Nach Mainland haben wir bereits einen neuen Song
mit Titel "Conceal it" geschrieben, den wir auf unserem Releasekonzert zum Besten
geben werden.
Interview: Michael Horling & Cue To Recall
März 2005
Cue To Recall:
Terje Elfström Vangbo
Bernd Lohse
Internet: www.cuetorecall.com