Selten trifft man auf solch interessante musikalische Kombinationen wie sie Daniel Myer zu vereinen weiß. So ist es auch auch fast unmögliches Unterfangen den Klangkosmos um Architect in einem Satz zusammenzufassen. Wo sonst, treffen unterkühlte Industrial Sounds auf flächige Ambient-Teppische und wo anders werden Clicks und Breaks unter ein rythmisches Technogefüge gemischt. Architect versteht es jedenfalls elektronische Musik lebendig, unvorhersebar und genreübergreifend umzusetzen. Drei gute Eigenschaften um ein paar wissenswerte Einzelheiten mehr dem kreativen Kopf hinter diesem Projekt zu entlocken.
Du hast mit "The Analysis Of Noise Trading" kürzlich das dritte Album von Architect veröffentlicht.
Wie ist bisher die Resonanz, seitens der Hörerschaft und der Medien? Kannst du zufrieden sein oder würdest du dir in dieser Hinsicht mehr Aufmerksamkeit wünschen?
Ich bin mehr als zufrieden. Das Album bekommt durchweg sehr gute Kritiken und die Reaktionen sind überaus positiv. Ich würde mir mehr Aufmerksamkeit von der Presse wünschen, was Interviews betrifft, aber ich denke mal, da ich kein greifbares Image habe, wird es wohl bei Reviews bleiben.
Nach der Veröffentlichung von "I Went Out Shopping To Get Some Noise" hast du mit „The Analysis Of Noise Trading“ nicht lange auf dich warten lassen. Ging dir Architect in den letzten beiden Jahren "leichter von der Hand" oder hattest hierfür einfach mehr Inspirationsquellen als bei anderen Projekten? Worin siehst du selbst die Gründe?
Architect ist mein aktivstes Live Projekt. Ich bin sehr viel unterwegs und spiele aud vielen Festivals mit sehr vielen interessanten Künstlern. Desweiteren ist es auch ein Outlet, wo ich mich so richtig austoben kann. Es ist mein Ding, ich kann ohne Druck von Seiten des Labels arbeiten und das ist einfach eine sehr geniale Sache.
Entstanden ist das neue Album in deinem Musikgeschäft Kellermusik, welches du seit eine Weile betreibst. Wie kann man sich das vorstellen? Werden Kunden dann einfach in kreativen Momenten ignoriert? ;-)
Soviel Kundschaft haben wir nicht. Ich bin ja nur mit eingestiegen in das Geschäft. Leider kaufen aber nur noch wenige Leute Vinyl und selbst CD´s sind nicht mehr so gefragt. Also habe ich genügend Zeit, im Nachbarstübchen mein kreatives Süppchen zu kochen....hehehehe
Mitverantwortlich für die kreativen Prozesse bei Architect ist Klima und Oskar Lygner (Backlash). Hast du bei den vorangegangen Werken ebenfalls auf die Hilfe anderer Leute zurückgegriffen oder jetzt erst bei "The Analysis Of Noise Trading"?
Ich habe von den beiden nur ein paar wenige Samples benutzt. Aber wirklich nur in einem Track. Es ist auch so, das ich bei diesem Album sehr viel "geklaut" habe... weiteres weiter unten....
Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit beiden vorstellen?
Samples geschickt, bearbeitet, eingebaut, Danke gesagt.
Was war dir für das neue Album wichtig oder was setzt du bei Architect generell an oberste Stelle, damit es überhaut für dich "funktioniert"?
Mir ist bei all meinen Arbeiten wichtig, das es einzigartig klingt. Bei dem neuen Album von Architect war es die Verbindung von langsamen Beats mit Elementen aus Noise, Industrial und auch EBM. Das wichtigste aber war, das es grooved. Das die eingesetzten Samples und Vocals Sinn machen und das das Album wie eine Einheit klingt. Deshalb war ich nach der Fertigstellung auch so ausgebrannt. Es hat mich sehr gefordert und ich habe mich bis jetzt noch nicht erholt.
Hat dieser Punkt, dass das Album eine Einheit darstellen soll dazu geführt Ideen außen vor zu lassen und vielleicht sogar auf komplette Songs zu verzichten?
Es sind jetzt aufgrund des Einsatzes von Vocals eher Songs als jemals zuvor. Es gibt in fast jedem Song ein Thema, welches wiederkehrt. Es funktioniert nicht nach dem üblichen Vers - Bridge - Chorus Schema, aber ich denke, es sind schon ganz eingängie Tracks dabei entstanden.
Der Opener "St Vodka" erweißt sich, mit seinen vermehrten Einflüssen aus Ambient, überraschender Weise als sehr leichter Einstieg für Architect Verhältnisse. Nachfolgend zeigen sich die Songs zwar wieder sperriger, aber immerhin noch zugänglicher als die Songs auf dem Vorgänger Album, wo ich doch mehrere Anläufe brauchte. Wie siehst du das Album selber, im Vergleich zu "I Went Out..."?
Ich hoffe, es ist ein wenig zugänglicher. Ich habe versucht, die Beats dieses Mal nicht ganz so vertrackt zu programmieren und ich habe auch einige leichtere Melodien eingebaut. Auch die benutzten Vocalsamples sind für Architect Verhältnisse sehr catchy... Bei meinen vielen Live Auftritten habe ich einfach gemerkt, das die Leute den Einsatz von Vocals sehr zu schätzen wissen.
Die Betitelung der einzelnen Tracks scheint dir eine unendliche Freude gewesen zu sein. Ehrlich, wie oft hast du dafür nachts zu Stift und Papier greifen müssen?
Gar nicht oft, die Titel sind bereits während der Entwicklung der Songs entstanden. Jeder Titel beinhaltet den Ursprung, Einfluss oder sogar die Samplequelle des Songs. Es hat sehr viel Spass gemacht, die Titel zu lesen und den Samples zuzuordnen.
Du zeigst dich in deinen Projekten an der Seite von weiteren Mitgliedern und Gastmusikern, schlägst dich aber auch mit deinen Solowerken durch. Ist Daniel Myer nun jemand der lieber für sich alleine am Soundtüfteln ist, oder sind solche Zusammenarbeiten wichtig, vielleicht um auch jemanden anderen über die Schulter zu schauen und Neues dazuzulernen?
Ich arbeite am liebsten allein. Ich kann schwer mit anderen Leuten arbeiten, da ich immer eine genaue Vorstellung des Produkts habe. Ich lasse aber gerne Leute an meiner Arbeit teilhaben. Zum Beispiel, wenn ich eine Band produziere ist es oft so, das die Musiker mit mir im Studio sitzen und sich diverse Produktionabläufe einfach für ihre zukunftigen Produktionen übernehmen.
Du agierst mit deinen Projekten auf verschiedenen Labels. Ich kann mir vorstellen, dass da eisig Labelgrenzen bewahrt werden oder ist es doch so, dass sich die Labels untereinander dafür interessieren was Herr Myer so treibt? Im besten Falle ist ja ein neues, gut angenommenes, Haujobb Album auch Werbung für andere darauffolgende Myersche Projekte!?
Komplizierte und im Moment heikle Frage. Ich bin sehr, sehr zufrieden mit der Arbeit von Ant-zen/Hymen, alles andere...
Was sind für dich die besonderen Glücksmomente in Bezug auf Musik?
Wenn ein Track rollt. Es ist manchmal sehr schwierig, einen Song zum grooven zu bringen. So sitze ich teilweise bis zur Fertigstellung eines Tracks mehrere Wochen. Manchmal passiert es aber auch innerhalb weniger Minuten. Ein tolles Gefühl. Ganz besonders sind auch die Momente, wenn du merkst, das während eines Konzerts das Publikum die Musik versteht und sich einfach nur gehen lässt. Ein Rausch!!!
Um dazu auch die Gegenfrage zu stellen. Was stört dich, macht dich eher hilflos und traurig in Bezug auf Musik?
Wenn der Funke nicht überspringt. Wenn ich merke, das ich nicht weiterkomme. Im Moment habe ich eine Art Schreibblockade. Ich habe seit 8 Wochen keinen neuen Track mehr gemacht.
Ganz nach Tradition wird am 7. Januar in Leipzig die 4. Auflage des Planetmyerday's anlaufen. Wieviel Zeit & Mühe steckt in der Vorbereitung, wenn man darauf bedacht ist, selbst 100%ig hinter den Bands zu stehen, die an diesem Abend auftreten? Sicherlich gibt es auch die ein oder andere enttäuschende Absage von Bands?
Bisher gab es noch keine Absage, immer nur ein bedauerliches: "Schade das wir nicht mit dabei sein dürfen". Ich mag alle Bands, die spielen, bis auf den letzten Event, wo XPQ21 ein Showcase gespielt haben. Das war die Idee von Markus Müller, San Diego Music. Er unterstützt mich mit seiner Company bei diesem Event. Eigentlich ist es auch irgendwie sein Ding, ich bin lediglich der Namensgeber und kümmere mich um die Bands.
Ich bin schon sehr lange ein Bewunderer von Klangstabil und auf dem Maschinenfest 2003 haben sie mich buchstäblich plattgewälzt. Diese Energie, die die beiden auf der Bühne entwickeln ist einzigartig. Ich freue mich, das sie dieses Mal dabei sind. Nico von Empusae ist ein langjähriger Bekannter, den ich immer wieder auf Festivals begegne und dessen Set mich beim diesjährigen Maschinenfest sehr begeistert hat. Ausserdem wird er uns (Haujobb) an den Percussions live unterstützen. Amnistia sind kleine Scheisserchen, denen ich geholfen habe, ihre erste Demo CD zu produzieren. Jetzt melden die sich nicht mal mehr, Scheiss Rockstars, hahahahahaha. Nee, die sind ziemlich nett und die Musik wird noch ganz gross. Und Synnack ist ein langjähriger Freund von mir, der Clint Sand von Cut.Rate.Box. der es endlich geschafft hat, mich mit einem seiner musikalischen Auswürfe zu überzeugen.
Leipzig ist in vieler Hinsicht dein Zuhause. Gibt es einen anderen Ort an dem Daniel Myer gerne mal produzieren, live spielen oder auch gerne mal auflegen würde?
Tokyo. Dort war ich noch nie und es ist ein großer Traum, einmal dort zu spielen.
Welche Pläne, musikalischer Hinsicht, hast du für 2006? Kannst du schon Einblick in Einzelheiten ansehender Veröffentlichungen geben?
Also erst einmal steht der Planetmyerday an erster Stelle. Danach kommt der Kiew Geburtstag. Ende Januar geht es nach Moskau. Im März dann endlich wieder in die USA. Ich werde zu Victoria und Chris (Claire Voyant) fliegen und das 2. HMB ALbum fertig stellen.
Dann würde ich sehr gern im April/Mai eine kleine Tour mit Architect machen. Bis dahin dürfte das Album bekannt genug sein. Ansonsten sieht es im Moment gar nicht mal so schlecht aus...
Von mir soll es das gewesen und bedanke mich für das Interview und die geopferte Zeit.
Interview: Thomas Tröger & Architect/Daniel Myer
Dezember 2005
Architect:
Daniel Myer
Internet: www.planetmyer.de | www.myspace.com/architectmusic