Es offenbart einem erst der zweite Blick, dass es sich tatsächlich um Björks
eigene Haarpracht handelt, welche sie wie eine Art Maske verhüllt - zu sehen
auf dem Cover ihres neuen, langersehnten Langspielers. Wie auch ihr vorangegangenes
Album ist es die Farbkomponente schwarz und weiß, entsprungen dem Kreativteam
ihrer Schwanenanbetung des letzten Werkes. Eines der wenigen Überbleibsel, dass
Gefühl von "Vespertine" nochmals einzufangen und dieser Stimmung einen letzten
sanften Kuss aufzudrücken?
Stets hat sie es geschafft sich weiterzuentwickeln und ihre Alben mit neuen
Ideen zu bestücken. Immer einen Schritt voraus, zeigten sich ihre Songs zwischen
Extravaganz und femenominalen Klangexperimenten, ob nun radikal hektisch, elektronisch
pulsierend, orchestral tragisch oder minimalistisch schwebend. Für Frau Gudmundsdottir
war es nie ein Problem ihren Alben immer neue Gesichter geben und in neues Licht
zu hüllen. Zusammenzubringen, was man so nicht unbedingt vereint! Und wenn es
alleine nicht mehr geht, holt man sich eben die Leute ins Studio, die diese
Songs von ihr nochmals veredeln, mit würzigen Zutaten bereichern und ihnen den
letzten Schliff geben.
Drei
Jahre, nachdem sie mit "Verspertine" wieder Einzug in die Öffentlichkeit hielt
gesellt sich endlich, ihr für eigentlich schon letztes Jahr angedachtes neues
Album zu uns. Gefüllt hat sie die Zwischenzeit mit mehr oder minder nutzvollen
Veröffentlichungen, sei es das "Greatest Hits" Album, zahllose DVD Veröffentlichungen
oder limitierte Boxsets. Um dem Marketing-Wirr Warr noch einmal zu unterstreichen,
wird es zu dem neuen Album keine Single Veröffentlichungen geben und nur beigleitet
werden von einer handvoll Videoclips aus den Reigen der Regisseure ihrer letzten
vervisuellten Tonstücke.
Keine Vorabsingle? Kein "Seht, ich bin wieder da!"? Doch! Zu sehen bei der Eröffnungsfeier
zu Olympia 2004 gab es wohl keine bessere Werbung um sich wieder ins Rampenlicht
zu befördern unter den Augen unzähliger Zuschauer weltweit. "Oceania" ihre erste
Nicht-Single-Veröffentlichung lässt einem aber kaum überhören, dass doch nicht
soviel anders geworden ist und die wunderschön vereinnahmende Ruhe, welcher
dieser Song ausstrahlt einen unlängst wieder zu ihrem zerbrechlichen Schneeflocken
Elektronik Album "Vespertine" zurückbefördert.
Doch so ganz stimmt das nicht! "Medúlla" ist zweifelsohne die radikalste Form
musikalischer Neuentdeckung, die sie seit den Anfängen ihrer Solokarriere 1993
vollzieht und zeigt sie wohl in ihrem schwierigsten Gewand. Nachdem man vorerst
mit Instrumenten und mit elektronischen Arrangements die Songs versehen hatte
und einige davon schon auf Festivals zu Gehör brachte, langweilte man sich einfach
dieses Schema vorzufahren – "Instruments are so over", wie sie selbst sagt und
blendet nach und nach alle Tonspuren aus, bis jene Songs reduziert sind auf
die kleinstmögliche Einheit: Die Stimme! Dass erste menschliche Instrument überhaupt!
Kurzerhand war eins und eins zusammengezählt, dass man mehr Interesse an einem
Vocal Album zeigt. Serviert bekommt man aber kein reines Á Cappella Album wie
man sich das vorstellen mag und wahrscheinlich auch viel zu einfach wäre. So
ist es vielmehr Musik mit Knochen, Mark (lat.: Medúlla) und Muskeln. Die ganze
Kraft der Stimme, entlockt ihren zahlreichen illustrierten Gästen. Taanya Tagaq
Gillis mit ihrem Inuit Gesang ist dabei, die nicht das erste Mal mit Björk zusammenarbeitet.
Zwei Chöre - einer aus London, einer aus Island, die sich zur Aufgabe gesetzt
haben, das Gänsehautgefühl noch einmal zu intensivieren. Der "Human Beat Boxer"
Rahzel (The Roots), der Songs wie "Where Is The Line" jeder Strophe einen neuen
Beat gibt und dabei in einem Atemzug durchzieht. Weitere Unterstützung findet
sie in dem japanischen À Capella Talent und Beatbox Künstler Dobaka und auch
Robert Wyatt (The Soft Machine) hinterlässt bei Songs wie "Oceania" seine eigenwillige
Stimme. Aber nicht alles kommt letztendlich so auf die Platte, wie es zuerst
aufgenommen wurde. Da wird gepitcht geloopt, geschnitten, neu zusammengefügt
und dreimal gedreht. Oftmals kaum wiederzuerkennen, dass es sich hierbei zum
Beispiel um Stimmengott Mike Patton (Ex-Faith No More, Mr. Bungle, Fantomas)
handelt und nicht um ein eingespieltes Instrument. Vereinzelte kleine Arrangements
waren aber dann doch von Nöten und so liest man auch Namen wie Valgeir Sigurdsson,
Matmos und Mark Bell, welche in Vergangenheit schon öfters mit der Isländerin
erfolgreich zusammengearbeitet haben und dies hoffentlich auch weiterhin handhaben.
Und
es nimmt einen schon wahrhaftig ein, hinter diesem Kunstwerk stimmlicher Grenzgänge
so etwas wie Songs zu entdecken, die getragen sind von Gekreische, Gegurre und
Gestöhne. Inmitten dieser bersten Klanglandschaft blitzen anfangs dennoch sehr
schöne Stücke hindurch, mit denen es sich einfach stellt sich zu arrangieren
und beim ersten Hören gefallen daran zu finden. Bei anderen Stücken bedarf es
dann eben seiner Zeit – sie wollen erarbeitet werden und sind alles andere als
schnell zugänglich. Das Hörvergnügen gestaltet sich auch als wesentlich einfacher,
wenn man die Songs nicht unbedingt als Vocalakrobatik sieht, denn "Where Is
The Line" könnte durchaus auch auf einem technoiden Beat bestehen und auch,
dass bereits angesprochene "Oceania", eines der eingängigsten Stücke des Albums,
hätte man so auf "Vespertine" unterbringen können, ohne das es jemanden aufgefallen
wäre, dass hier nicht viel auf Instrumenten basiert. Ein "Vespertine 2" wird
aber in "Medúlla" nicht finden. Wohingegen es die Widersprüchlichkeiten des
Herbstes betont, so war "Vespertine" ein ruhiges Winterszenario voller verträumter
Begebenheiten. Das neue Album ist sehr dunkel und geheimnisvoll ausgefallen
und sogar von Björkfanatikern einiges abverlangt. Und andere werden wieder mit
Unverständnis von dannen ziehen!
Tracklisting:
01. Pleasure Is All Mine
02. Show Me Forgiveness
03. Where Is The Line
04. Vökuró
05. Öll Britan
06. Who Is It (Carry My Joy On The Left, Carry My Pain On The Right)
07. Submarine
08. Desired Constellation
09. Oceania
10. Sonnets / Unrealities XI
11. Ancestors
12. Mouth's Cradle
13. Miðvikudags
14. Triumph Of The Heart
Interpret: Björk
Titel: Medúlla
Format: CD
Veröffentlichung: 30.08.2004
Label / Vertrieb: Wellhart, One
Little Indian Ltd /
Universal Music Company
Internet: www.bjork.com