
Das ist es also – das kleine kunstvolle Kleinod "Civilization" der kanadischen
Spassfabrik! Dies soll nun wirklich das letzte, finale Album der Industrial /
Electro Heroen Front Line Assembly sein? Jedenfalls ließen dies die ersten Ankündigungen
des Albums verlauten. Bevor man sich demnach endgültig in die Jagdgründe der belanglosen
Pop Musik, mit der unlängst zum Hauptprojekt gewachsenen Formation Delerium, katapultiert,
haben sich die beiden Herren Rhys Fulber und Bill Leeb noch einmal hingesetzt…
STOP! …seit ihrer Trennung 1996 erstmals wieder zusammengefunden, um all ihre
kreativen Ideen ihres großen Kindes durch jeden einzelnen Draht ihrer Gerätschaften
zu jagen, bevor es sich dann selbst den Gnadenschuss erteilen darf!?
Also bitte! Entweder ist die Revidierung an mir vorbeigegangen oder die beiden
Herren haben sich da einen Scherz erlaubt. Noch ist nicht aller Tage Abend.
Das Kind lacht, springt, tanzt und erfreut sich somit großer Lebendigkeit. Keine
Spur von einem Selbstmord! Was vor knapp 18 Jahren so erfolgreich seinen Anfang
fand, wird man doch nicht so schnell loslassen…oder doch?

Vancouver
1986: Hervorgegangen aus der Band Skinny Puppy, der sich Bill Leeb abwandte und
fortan seine Machenschaften unter dem Name Front Line Assembly der breiten Masse
zugänglich machte. Ein musikalische Reise, die die Band über die Anfangstage des
Industrials/EBM führte, bis hin zu Einflüssen aus metallisch harten Gitarrenriffs
in Verbindung mit schweißtreibenden Electro- Sequenzen, orientierten sie sich
mit ihrem letzten Album "Epitaph" wieder mehr den Wurzeln und zeigten sich sogar
teilweise recht melodisch. Die Zeit zwischen den vermehrten Ruhepausen nutzte
Bill Leeb um seine anderen unzähligen Bandprojekte zu verfolgen, allen voran seien
hier nochmals Delerium erwähnt und Computerspiele wie Quake III Arena ein musikalisches
Gesicht zu verleihen. Man war also alles andere als untätig. Und so ist es auch
zu verzeihen, dass es mit einem neuen FLA Album etwas länger dauern kann.
Aber gut, drei Jahre sind nicht wirklich eine lange Pause. Und keiner hat behauptet,
dass es sich nicht lohnen sollte, den beiden diese Zeit einzuräumen. Denn das
vorliegende Produkt kann sich mehr als nur hören lassen. Von vornherein war zu
erwarten, dass man wieder neue Gebiete der Musiklandschaft aufspürt und in das
Gesamtbild integriert. Unverkennbar sind dabei ihre Wurzeln, welche sie niemals
aus den Augen verlieren und jedem Song den typischen FLA Wiedererkennungswert
geben. Die Veränderungen zeigen sich darin, dass sie im Gegensatz zum Vorgänger
wesentlich ruhiger geworden sind und manchmal schon fast balladeske Momente und
ohrwuhrmtaugliche Refrains präsentieren, welche sich in sphärischen Kulissen und
Klavierpassagen wiederfinden und zu Anfang schon für große Überraschungen sorgen.
Wer jetzt jedoch eine weichgespülte Scheibe erwarten sollte, irrt sich gewaltig!
"Civilization" ist progressiverer Experimental Pop at its best - prägnante Drumparts,
vielschichtige Sounds, betörende Choräle, oft wechselnde Klanglandschaften, eingestreute
Vocal-Samples, dezente Gitarrenriffs und Electro Funk der düstersten Note vereinen
sich hier zu einem gewaltigen Gesamtkonstrukt, welches die Gehörgänge so schnell
nicht wieder verlässt. Meine Erwartungen an dieses Album wurden bei Weitem übertroffen.
Bleibt nur zu hoffen, dass uns Frontline Assembly auch weiterhin erhalten bleiben
und mit ähnlichen Veröffentlichungen auch in Zukunft die Gehörgänge veredeln.
Tracklisting:
01. Psychosomatic
02. Manical
03. Transmitter (Come Together)
04. Vanished
05. Strategic
06. Civilization
07. Fragmented
08. Parasite
09. Dissident
10. Schicksal
Interpret: Front Line Assembly
Titel: Civilization
Format: CD
Veröffentlichung: 26.01.2004
Label / Vertrieb: SPV / Metropolis
Internet: www.mindphaser.com