Mit "Sleeping With Ghosts" hat das Trio wohl eine ziemlich bizarre Scheinwirkung
erlangt, dass sie jetzt denken mit Geistern zu schlafen. Auch könnte man meinen,
dass das Coverartwork der Handschrift Levi Strauss' unterlag. Aber das sei auch
mal dahingestellt. Viel mehr beglückt mich der Zustand, dass die Indie-Stromgitarrren
Band mit diesem Werk endlich Album Nr. 4 ansteuert. Die Band um Brian Molko,
Stefan Olsdal und Steve Herwitt blickt auf ein achtjähriges Bestehen zurück
und konnten mit "Every You, Every Me" beachtliche Erfolge erzielen.
Anfangs wird sich nun die Frage auftun, inwieweit sich Placebo neuen Stilmitteln
öffnen, ohne jedoch dabei alte, lieb gewonnene Ideale hinter sich zu lassen
und das Defizite erkennbar werden. Placebo finden jedenfalls immernoch ein gesundes
Gleichgewicht an Themen zwischen exzessiven, politischen Statements und den
üblichen Beziehungstexten. Nach wie vor sticht jedoch als größtes Merkmal Brian's
prägnanter (Sprech)Gesang hervor, eingebettet in einer wohldosierten Prise Rock
und Glam.
Musikalisch tat sich leider auf dem Vorgänger "Black Market Music" leider recht
wenig. Einzig und allein die Rap-Passagen stachen als Neuerungen heraus und
ließen dies wohl unter die Marke Innovation fallen. Durch die Mitwirkung des
Produzenten Jim Abiss, welcher sich u.a. schon für Arbeiten der Sneaker Pimps
und Björk auszeichnete, darf man jetzt gespannt sein, ob die Briten/Schweden
neuen Einflüssen entgegensehen. Diesbezüglich sollte der Hoffnung Licht werden…
So
sticht der vermehrte Einsatz an Elektronik Elementen im Soundkonzept als größte
Neuerung hervor, wofür sich der neue Produzent sicherlich ein Stück weit verantwortlich
zeigen kann. Auch wenn dies schon in vereinzelten Ansätzen in Songs wie "Taste
in Men" auf demVorgängerwerk "Black Market Music" vertreten war, wird dies hier
ein Stück weiter gesponnen. Endlich ist auch die Experimentierfreudigkeit der
Anfangstage wieder zu erkennen. So stellt für mich der Mid-Tempo Song "English
Summer Rain", nach einem etwas überflüssigen energischen "Bulletproof Cupid",
welches sich hier als kurzes instrumentales Intro herauskristallisiert, ein
erstes Highlight dar. Sänger Brian Molko traut sich bei diesem Song das erste
Mal in der Bandgeschichte hinter das Schlagzeug und führt zart und doch präzise
mit dem Instrument die Rhythmik an, so dass die Gitarre vielmehr im Schlussteil
des Songs Platz findet. Mit leichter 80er Jahre Ästhetik gelingt es mit wohlklingenden
Synthie-Sounds, welche sich deweiteren aus dem Hintergrund auftürmen, einen
für mich sehr gefälligen Track zu schaffen. In "This Picture" geht es dann wieder
schneller zu Sache, und auch hier erheben sich wohlklingende Synthiemelodien
- welche weder dominant und aufdringlich wirken und noch in einigen Songs auftauchen
werden. Zwischen Ruhepolen und schnelleren Stücken setzt sich so gekonnt
das Album fort.
Wird es bei dem Titeltrack "Sleeping With Ghosts" eher ruhig, spielt sich die
Vorabsingle "Bitter End", mit seinem sehr prägnantem Gitarrenspiel und hohem
Wiedererkennungswert sofort ins Ohr. Der eingängigste Titel auf dem Album überhaupt.
Exotisch wird es dann bei dem sehr psychedelisch anmutenden "Something Rotten",
in den man die Experimentierfreude auf den Höhepunkt treibt. Schlau setzten
sich eher verhalten , Einflüsse aus Dub, in einem sehr ruhigen Klangkonstrukt
voran. Doch es soll nicht lange dauern, bis in diesem Song ein rasche Wendung
Einzug hält und auf einem scheppernde Drums, brachiale Elektronik Klänge
hereinbrechen und alles sehr trashig ausufern lassen. Momente die den Kauf dieser
Platte erneut rechtfertigen sollte. Leider bewahrt sich die zweite Hälfte der
CD nicht mehr ganz so verspielt, was aber nicht heißen sollte jetzt vor Langeweile
vor sich hinzuschwelgen. Als weiteres Highlight wäre noch die Ballade "Centrefolds"
zu erwähnen, indem man erneut aufzeigt, dass sie es neben allen Rockperlen
immer wieder verstehen auch wunderschön zerbrechlich zu klingen, was sich auch
in Brian's Stimme bemerkbar macht.
Einziges Manko dieser Platte ist wohl, dass man zwischen aller Experimentierfreude
zwar ein gewisses Spektrum an Abwechslung geschaffen hat, jedoch auch auf ein
kleines Chaos blickt, dass den Roten Faden etwas vermissen lässt. Ob dies nun
an der Anordnung der Tracks liegen mag oder das "Sleeping With Ghosts" wirklich
etwas orientierungslos erscheint, kann ich nicht sagen. So wird die Irrfahrt
im Zug zwar kein Ziel vor Augen halten, haben Placebo dennoch ein solides Album
geschaffen und lässt erkennen dass sich die Herren auf den richtigen Weg befinden,
den es jetzt heißt weiter auszubauen und etwas mehr Festigung insgesamt zu schaffen.
Tracklisting:
01. Bulletproof Cupid
02. English Summer Rain
03. This Picture
04. Sleeping With Ghosts
05. The Bitter End
06. Something Rotten
07. Plasticine
08. Special Needs
09. I'll Be Yours
10. Second Sight
11. Protect Me From What I Want
12. Centrefolds
Interpret: Placebo
Titel: Sleeping With Ghosts
Format: CD
Veröffentlichung: 24.03.2003
Label / Vertrieb: Hut Records / Virgin
Internet: www.placeboworld.co.uk